In meiner Nähe ist eine Waffenmesse – was tun?

Waffenmessen 2026: im Februar in Nürnberg die jährliche „Enforce Tac“, im September in Essen erstmalig „EUDEX“. Berichte früherer Protestaktionen in Seoul und London sollen Aktionsmöglichkeiten aufzeigen und Hinweise auf deren Wirkmächtigkeit geben.
Protest gegen ADEX Waffenmesse in Seoul (Foto: World Without War Südkorea)

Von Stephan Brües und Martin Arnold

Seoul, Südkorea, Herbst 2015. Aktivist*innen aus aller Welt treffen sich zur Konferenz der War Resisters‘ International (WRI), eingeladen von der südkoreanischen Friedensgruppe World Without War. Zu dieser Zeit findet die Waffenmesse ADEX statt. Die Südkoreaner*innen hoffen auf Unterstützung aus der übrigen Welt – und erhalten sie.

Orte und Zeiten

Zwei Orte wurden als Aktionsflächen vorgeschlagen.
Zum einen das Hotel, in dem sich die „Honoratioren“ des internationalen Militärisch-Industriellen Komplexes zur Eröffnung der Waffenmesse feierlich trafen. Hier wollten wir ein kleines Zeichen setzen.
Zum anderen die Messehallen selbst, in denen die Waffen aufgebaut und zur öffentlichen Begutachung freigegeben wurden. Hier fanden 2015 und in späteren Jahren verschiedene Aktionen statt.

2017 gab es ein ähnliches Treffen der WRI in London, während der Waffenmesse DSEI, die dort alle zwei Jahre stattfindet. Aktionen wurden überwiegend vor den Messehallen durchgeführt, während die Stände der Waffenfirmen aufgebaut wurden.

Welche Zeiten und Orte für Aktionen gewählt werden, hängt von den Aktionszielen und Zielgruppen ab.

Was und wen will eine Aktion erreichen?

In London war das Ziel, bereits den Aufbau der Schau zu stören. Einige Menschen blockierten Lastwagen, die Stand-Equipment transportierten. Einige Fahrer wussten nicht, dass sie Rüstungsfirmen beliefern, und zeigten sogar Verständnis für die Aktion.

Blockade in London (Foto: Stephan Brües)
Ein blockierter Lastwagenfahrer (Foto: Stephan Brües)

Die Polizei hatte einige Zeit zu tun, um die wenigen Blockierenden und hunderte angereiste Unterstützer*innen vom Transportweg zu entfernen. Die Aktion hat die Messe an sich natürlich nicht aufgehalten. Menschen wurden kurzzeitig in Gewahrsam genommen, darunter ein 85-jähriger Mann, der lediglich mit einem Schild neben den Blockierern gestanden hatte.

Stören, was verwerflich ist

Was war das Ziel dieser Aktion? Da gibt es das utopische Ziel, die Durchführung der Waffenmesse zu verhindern, und sei es nur noch für ein paar Stunden. Oder das realistische Ziel, in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es nicht wenige Menschen gibt, die sich gegen solche Veranstaltungen engagieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Den Ablauf stören ist sicher eine konfrontative Zielsetzung. Dialoge sind nicht vorgesehen. Die Messe ist moralisch verwerflich, und dafür sind alle, die dazu beitragen, verantwortlich. Sie aktiv zu behindern, um eine verwerfliche Tat zu verhindern, ist das Ziel solcher Aktionen.

Zur Diskussion: Den Aktiven ist klar, dass das Verwerfliche, das Geschehen in den Hallen, durch die Aktion nicht weniger wird; dient die Aktion vor allem der Beruhigung ihres eigenen Gewissens: „Ich habe etwas dagegen getan“?

Ein stiller Protest

Einen stilleren Protest hatten sich Mitglieder von World Without War direkt an dem Ort, wo die Waffenmesse stattfand, überlegt. Sie staffierten eine junge Frau als Opfer von Gewalt aus, mit Mullbinden, blutroten Flecken am Körper und auf der Kleidung. So lief sie schweigend durch die Hallen, begleitet von einer Gruppe von Menschen mit Plakaten, auf denen „Shame on You“ (Schande über Sie) stand (siehe Titelfoto) – so sprachen sie direkt die Waffenhändler*innen und -produzierenden an, appellierten an ihr Gewissen.

Eine ähnliche stille Aktion fand am 25.09.2025 in London statt:Aktive der Peace Pledge Union (PPU) legten vor dem Messegelände der DSEI Kränze nieder, die an die Kriegsopfer in Syrien, Afghanistan und anderen Ländern erinnerten. Dazu in großer Schrift „Remember & Disarm“ (Gedenkt ihrer und rüstet ab). In ihrer Pressemitteilung heißt es: „PPU führte die Mahnwache neben anderen Gruppen gemeinsam mit der Organisation Every Casualty Counts (ECC, Jedes Opfer zählt) durch, die die Opfer bewaffneter Konflikte zählt, identifiziert und bekannt macht.  (…) Wir lesen Geschichten über einzelne Opfer der bewaffneten Konflikte des Jahres 2024 vor, insbesondere aus Palästina, Afghanistan, Syrien, Ukraine, Irak und Jemen. (…) Mindestens 21.480 Frauen und 16.690 Kinder wurden in bewaffneten Konflikten zwischen 2023 und 2024 getötet, 80 % der Kinder und 70 % der Frauen alleine in Gaza. Wir hielten Schweigemomente für all diese menschlichen Verluste. Wir schlugen alle 12 Minuten eine Glocke, um ein weiteres ziviles Opfer zu beklagen und zu würdigen. Wir (…) verbinden die Erinnerung an die Opfer mit einem „Nie wieder!“ und mit einer Ablehnung des Militarismus. (…) Die Tausende Menschen, die DSEI besuchen, blenden diese tödliche und zerstörerische Realität, die mit dem Waffenhandel verbunden ist, aus. Wir wollen sie mit dieser Realität der menschlichen Kosten durch Kriege konfrontieren.“

Aktion von Peace Pledge Union (PPU) gegen die Waffenmesse DSEI in London, September 2025 (Foto: PPU)

Diese Aktionsbegründung trifft sicher auch für die Aktion in Seoul zu.

Zur Diskussion: Welche Chancen bestehen, dass so das Gewissen der Verantwortlichen erreicht wird? Wissen Anbieter nicht selbst am besten, was ihre Waffen anrichten können? Und ist es ihnen vielleicht egal, weil sie sich sagen, dass für den Einsatz der Tötungsmaschinen sie nicht selbst, sondern andere verantwortlich sind? Oder weil es ja „die Richtigen“, nämlich die feindlichen Menschen treffen würde?

In einem anderen Jahr sprangen ein paar junge Männer auf ausgestellte Panzer und warfen mit blutig geröteten Dollarnoten um sich, um gewissenlose Waffenbosse zu karikieren, denen Profite über alles geht, auch wenn diese auf dem Tod vieler Menschen beruhen. Die Aktion hat den Beteiligten sicher auch Spaß gemacht.

Manchmal wurde der schweigende mit dem karikierenden Protest kombiniert, wie das Foto zeigt. 

Zur Diskussion: Wie wirkte wohl die Aktion auf die Beschäftigten an den Ständen der Rüstungsunternehmen?

Aktion vor und im Hotel Mariott in Seoul, wo die Militärs, Politiker*innen und Rüstungsmanager*innen auf die Messe anstießen

An einer ebenfalls direkteren Ansprache von Personen, die an der Waffenmesse teilnahmen, habe ich mich 2015 im Hotel Mariott in Seoul beteiligt. Wir machten uns auf den Weg in die Gänge vor dem Hotelsaal, in dem Militärs, Politiker*innen und Rüstungsmanager*innen die Eröffnung der Waffenmesse mit Sekt und Häppchen feierten. Wir hatten ein paar Schilder „Stop Adex“ und Papierdollars mit blutroten Flecken, die das Blut zeigen sollten, das an den Geschäften auf der Messe klebte.

Protest im Hotel, wo sich „Honoratio*innen“ des Militärisch-Industriellen Komplexes anlässlich der Waffenmesse ADEX in Seoul treffen (Screenshot von einer südkoreanischen Nachrichtenseite)

Protest im HOtel, wo sich Honoratior*innen des Militärisch-Industriellen Komplexes anlässlich der Waffenmesse ADEX treffen (Screenshot von einer südkoreanischen Nachrichtenseite)

Überraschenderweise ließen uns die vorhandenen Sicherheitskräfte in Ruhe auf die Gänge gehen und für drei, vier Minuten auch unsere Aktion machen. Danach wurden wir freundlich, aber bestimmt aus dem Hotel eskortiert. Ohne Festnahmen oder Ähnlichem.

Presse und Nachrichtensender haben berichtet (siehe Foto), und wir stellten einen kurzen Film über die Aktion auf youtube und die Website von World Without War.<<Link: https://www.youtube.com/watch?v=dzTs0_gRj7U>>

Während wir im Hotel waren, standen die übrigen Aktiven aus aller Welt davor und begleiteten die einfahrenden Gäste mit ihren Slogans: „Arms Dealers: You are not welcome!“ (Waffenverkäufer, Ihr seid nicht willkommen!) Oder “War starts here!” (Krieg beginnt hier).

Als wir ohne Repression aus dem Hotel kamen, wurden wir mit  Applaus empfangen. Ich erzählte bewegt vom Geschehen im Hotel. Und ich war froh, dass wir nicht verhaftet wurden, sodass wir unseren Heimflug wie geplant antreten konnten.

Protest vor de Mariott Hotel in Seoul, Herbst 2015 (Foto: Stephan Brües)

Zur Diskussion: Haben die Gäste unsere Aktionen vor und im Hotel gesehen? Hat es jemanden der Gäste interessiert oder gar beeindruckt? Wir wissen es nicht. Die Darstellung in den öffentlichen Medien war uns wichtig: Kann solcher Protest die Botschaft deutlich genug vermitteln, dass Krieg und Waffen eben nicht „normal“ sind?

Eine dialogische Aktion bei Mercedes Lastfahrzeuge in Wörth 2014

Direkt vor dem Parkplatz, an dem die Beschäftigten von Mercedes Nutzfahrzeuge in Wörth ankommen, um ihre Schicht aufzunehmen, platzierten sich Aktive der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen (DFG-VK). Sie machten Musik und boten Flugblätter an, die auf den problematischen Einsatz von Mercedes-Lastwagen zum Transport von Soldaten im libyischen Bürgerkrieg hinwiesen.

Aktion vor dem Standort Wörth von Mercedes Nutzfahrzeuge, (Foto: Stephan Brües)

Sie fragten die Arbeiter (allesamt Männer), was sie über diese ihnen sicher bekannte Tatsache denken würden. Nicht wenige zeigten sich durchaus nachdenklich über ihren Beitrag zu Kriegen in der Welt. Ein Kurzfilm der Gespräche dokumentiert einige Aussagen der Arbeiter: ein echter Denkanstoß.

Zur Diskussion: Das offene Gespräch mit Menschen, die Kriegsmaterial herstellen, ist sicher wertvoll. Die Dokumentation und Veröffentlichung kann weitere Nachdenklichkeit erzeugen. Wie können solche Gespräche mit Menschen, die über solche Produktion entscheiden, wirkungsvoll geführt werden, um Rüstungskonversion zu erreichen?

Wissenschaftliche (Aktions-)Recherche über Waffenwerbung

Die norwegische Waffenfirma Kongsberg hat eine Klimaschutzbotschaft an ihrem Stand auf der Londoner Waffenmesse DSEI, September 2023 (Foto: Nico Edwards)

Interessant geht die aktivistische Wissenschaftlerin Nico Edwards vor. Sie besucht Waffenmessen und dokumentiert, wie die Unternehmen an ihren Ständen Werbung betreiben. Wie sie sich z.B. als nachhaltig und klimaschützend darstellen, siehe das Plakat einer norwegischen Rüstungsfirma. Zudem zeigt sie auf, wie Rüstungsunternehmen und Militärs sich auf Klimagipfeln (z.B. COP 26 in Glasgow 2021) oder der Münchener Sicherheitskonferenz präsentieren und Narrative wie „Sustainable Security“, also Militär als Beitrag zum Klimaschutz verkaufen. Sie stellt damit auch Unterlagen und Ansatzpunkte für Aktionen.

So demonstrierte die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (WILPF) auf der COP28 gegen das Militär – den „Elefanten im Raum“ der Klimaverhandlungen. Es wird als Verursacher von Klimaschäden (»LINK: Artikel zum WRI-Papier Klima & Militarismus«) negiert, da seine CO2-Emissionen weltweit nicht mitgezählt, ja nicht einmal erfasst werden. Geschätzt wird, dass sie 10% der Gesamtemissionen ausmachen.

Zur Diskussion: Auch sonst könnte dieser Zusammenhang in kreativen Aktionen, z.B. satirisch, aufgegriffen werden.

Was bringen solche Aktionen?

Die Frage nach der Wirkung solcher Aktionen ist auf verschiedenen Ebenen zu beantworten.

Da sind die Aktiven selbst: Für sie ist es eine Selbstgewisserung. Sie sehen sich auf der moralisch richtigen Seite, sie haben etwas gegen den Moloch der Kriegsgewinnler getan und ihre Hilflosigkeit ein wenig gelindert. Und – ja! – solche Aktionen schaffen Nervenkitzel und machen manchmal auch Spaß.

Eine zweite Ebene ist die Wirkung auf die Öffentlichkeit. Wer kritisch zu Waffen steht, mag sich freuen, Menschen zu sehen, die die eigene Meinung öffentlich bestätigen. Wer neutral ist oder sich bisher nicht interessiert, könnte durch die Aktionen aufmerksam und für die Problematik sensibilisiert werden.

Eine dritte Ebene betrifft die beteiligten Institutionen. Die Messegesellschaften bekommen moralischen Druck, der zu der Überlegung führen kann, ob der mögliche Prestigeverlust schwerer wiegt als die Einnahmen, die die Waffenmessen für sie generieren. Unter anderen hat die Messegesellschaft Köln im Mai 2018 der Abhaltung der Waffenmesse ITEC eine Absage erteilt. Diese fand dann allerdings in Stuttgart statt und wurde von der ortsansäsigen Organisation Ohne Rüstung Leben und anderen mit vielfältigen Aktionen kritisch begleitet.

Ein weiteres Absage-Beispiel betrifft nicht eine Waffenmesse, sondern die Bundeswehr-Panzer- und Waffenschau „Unser Heer“. Jahrzehntelang wurde sie regelmäßig während der jährlichen „MOTOR-SHOW-ESSEN“ in der Messe Essen gezeigt. 1982 gründete die Gewaltfreie Akion „Pflugschar“ das Aktionsbündnis gegen Militärausstellung. Dieses führte vielfältige gewaltfreie Aktionen von Briefen an Verantwortliche und Unterschriftensammlungen über Anträge an die Stadt und an Kirchensynoden sowie Infoveranstaltungen u.a. über Soziale Verteidigung bis hin zu Ankettung im Rathaus, Die-In, Fasten im Zelt vor dem Messegelände und Vor-die-fahrenden-Panzer-mit-den-eigenen-Körpern-das-Wort-TOT-Legen durch. Drei Monate danach beschloss der Stadtrat, dass nicht genug Platz für die Bundeswehr-Ausstellung sei. Seitdem ist sie nicht mehr dort.

Die Arbeiter*innen in den Rüstungsbetrieben anzusprechen könnte dort durchaus eine gewisse Sensibilisierung der Arbeitnehmerschaft erreichen, besonders wenn die IG-Metall oder Betriebsrät*innen einbezogen werden.

Fazit

In Waffenmessen zeigen sich Rüstungsunternehmen öffentlich, um ihre kriegerischen Produkte zu vermarkten. Hier kann deshalb leichter als sonst ihr problematisches Verhalten sowie das ihrer Unterstützer, z.B. Messegesellschaften, angegriffen werden.

Dies kann mit verschiedenen Zielen geschehen. Das weitgehende Ziel ist die friedliche Welt ohne Krieg. Erzeugen von Abscheu vor Krieg und dessen aktiver Ablehnung steht dabei neben dem noch wichtigeren Aufbau von Friedenswillen und Friedenstüchigkeit. Diese großen Ziele müssen jeweils vor Ort in konkrete, kleinere, erreichbare Ziele heruntergebrochen werden.

Die Nürnberger „Kampagne gegen die Enforce Tac“ [[Link: https://friedensforum-nuernberg.de/Veranstaltung/enforce-tac-absagen/]] fordert im Februar 2026 an erster Stelle „Enforce Tac absagen!“

Weniger ambitioniert ist das Ziel, den reibungslosen Ablauf der Messe zu stören. Das kann z.B. durch Blockaden oder Sit-ins geschehen.

Ein weiteres Ziel kann sein, Menschen zum Nachdenken über Krieg und Kriegsvorbereitungen zu bringen, etwa die Öffentlichkeit oder Beschäftigte von Rüstungsunternehmen und deren Helfershelfer, z.B. indem sie mit den Folgen der Kriegsprodukte konfrontiert werden, den unzähligen Opfern bewaffneter Konflikte. Dies kann aggressiver („blutige Dollars“ verstreuen …) oder auch schweigend geschehen (siehe die Aktion mit der jungen Frau als Opfer oder die Mahnwache mit Glockenschlagen alle 12 Minuten).

Welche Ziele jeweils vor Ort angestrebt und durch Aktionen stark gemacht werden, ist jeweils von den Engagierten abzuwägen. Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass gegen den Militärisch-Industriellen Komplex zu arbeiten heißt, einen sehr langen Atem zu haben.

Zum Autor

Stephan Brües ist Redakteur von gewaltfreieaktion.de. Er ist Vertreter des Bund für Soziale Verteidigung bei War Resisters International, in der sich viele Friedensgruppen versammeln, die Aktionen gegen Waffenmessen organisieren.

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