Von Dr. Martin Luther King jun. (Übersetzung: Heinrich W. Grosse, gekürzt und redaktionell bearbeitet)
Ich freue mich über jeden von euch, der heute Abend hier ist, trotz einer Sturmwarnung. Ihr zeigt, dass ihr in jedem Fall weitermachen wollt. Es geschieht etwas in Memphis, es geschieht etwas in unserer Welt. (…)
Große Menschenscharen erheben sich. Wo sie auch sind – sie sind ein Zeichen. Ob sie in Johannesburg (Südafrika), Nairobi (Kenia), Accra (Ghana), New York City, Atlanta (Georgia), Jackson (Mississippi) oder in Memphis (Tennessee) sind – der Schrei ist stets der gleiche: „Wir wollen frei sein!“
Ein weiterer Grund, warum ich glücklich bin, in dieser heutigen Epoche zu leben, ist dieser: wir sind gezwungenermaßen an einen Punkt gekommen, wo wir uns mit Problemen auseinandersetzen müssen, die in der Geschichte der Menschheit schon lange existieren, zu deren Lösung aber nie eine solche Dringlichkeit bestand. Wenn wir überleben wollen, müssen wir sie anpacken. Die Menschen haben jahrelang über Krieg und Frieden geredet. Aber jetzt können sie nicht mehr nur darüber reden.
Es gibt in dieser Welt keine Wahl mehr zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit. Entweder Gewaltlosigkeit oder Nicht-Existenz. Genau an diesem Punkt stehen wir heute. So auch in der Revolution, in der es um die Menschenrechte geht. Wenn nichts getan wird – und zwar schnell -, um die farbigen Völker der Welt aus ihrem seit langem bestehenden Zustand der Armut, der Kränkung und der Vernachlässigung herauszubringen, dann ist die ganze Welt zum Untergang verurteilt. (…) Nun, was bedeutet das alles in dieser hervorragenden Periode der Geschichte?
Einheit bewahren
Es bedeutet, dass wir zusammenhalten müssen. Wir müssen zusammenhalten und Einheit bewahren. Ihr wisst, immer wenn der Pharao die Sklaverei in Ägypten verlängern wollte, hatte er ein bevorzugtes Mittel dafür. Welches?
Er ließ die Sklaven untereinander streiten. Aber sobald sich die Sklaven zusammentun, geschieht etwas am Hof des Pharao, und dann kann er die Sklaverei nicht mehr aufrechterhalten. Kommen die Sklaven zusammen, dann kommen sie bald heraus aus der Sklaverei. Deshalb lasst uns Einheit bewahren!
Das Problem ist die Ungerechtigkeit
Zweitens: Lasst uns die Probleme dort sehen, wo sie sind! Das Problem heißt: Ungerechtigkeit. Das Problem ist die Weigerung der Stadt Memphis, fair und ehrlich im Umgang mit ihren Angestellten zu sein – in diesem Falle Müllarbeiter*innen. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit weiter auf dieses Problem richten und nicht auf die kleinen Gewaltausbrüche. Ihr wisst, was neulich passierte. Die Presse erwähnte nur die Zerstörung einiger Fenster. Ich habe die Zeitungsartikel gelesen. Äußerst selten gingen sie so weit zu erwähnen, dass 1.300 Müllarbeiter*innen streikten, und dass die Stadt Memphis nicht fair zu ihnen war, (…). So weit ging die Berichterstattung nicht.
Jetzt werden wir wieder marschieren. Wir müssen es, um zu zeigen, wo das Problem liegt. Um jedem vor Augen zu führen, dass hier 1.300 von Gottes Kindern leiden. Manchmal sind sie hungrig, manchmal erleben sie dunkle und traurige Nächte und fragen sich, wie diese Sache ausgehen wird. Darum geht es. Und wir müssen unserer Nation sagen: wir wissen, wie sie ausgeht. Denn wenn Menschen ergriffen sind von dem, was recht ist, und wenn sie dafür Opfer zu bringen bereit sind, dann gibt es keinen Halt kurz vor dem Sieg.
Kein Knüppel, keine Hunde, keine Wasserwerfer halten uns auf
Kein Knüppel wird uns aufhalten. Wir verstehen es meisterhaft in unserer gewaltlosen Bewegung, Polizeikräfte zu entwaffnen; sie wissen nicht, was sie tun sollen. Ich habe sie so oft gesehen.
Ich entsinne mich, wie wir während jenes großen Kampfes in Birmingham (Alabama) jeden Tag von der Baptistischen Kirche in der 16. Straße losmarschierten, zu Hunderten zogen wir aus. Und „Bull“ Connor befahl den Polizisten, die Hunde loszulassen, und sie kamen. Aber wir sangen vor den Hunden: „Ich werde vor niemandem weglaufen“. Dann befahl „Bull“ Connor: „Dreht die Wasserschläuche auf!“ Wie ich euch schon sagte, „Bull“ Connor kannte die Geschichte nicht. Er kannte eine Art Physik, die irgendwie nicht zu der Trans-Physik passte, von der wir wussten. Es war die Tatsache, dass da ein bestimmtes Feuer war, das kein Wasser löschen konnte. Wir stellten uns den Wasserschläuchen entgegen. Wir kannten Wasser. Wer zu den Baptist*innen, (…) Methodist*innen oder anderen Denominationen gehörte, war besprengt worden. In jedem Fall waren wir mit Wasser vertraut. Sie konnten uns nicht aufhalten.
Wir gingen einfach auf die Hunde zu und schauten sie an, wir gingen einfach auf die Wasserschläuche zu und schauten sie an, und dabei sangen wir: „Über meinem Kopf sehe ich Freiheit in der Luft“. Dann wurden wir in Polizeiwagen geworfen, manchmal zusammengepfercht wie Ölsardinen in der Büchse. Und „Bull“ Connor rief: „Fahrt sie fort!“ Das taten sie auch, während wir im Gefängniswagen weiter sangen: „Wir werden siegen.“ Gelegentlich landeten wir im Gefängnis, und wir sahen, wie unsere Gebete, Worte und Lieder die Gefängnis-Wärter bewegten, die durch die Fenster schauten. Es existierte dort eine Macht, mit der „Bull“ Connor nicht fertig wurde. So verwandelten wir schließlich den „Bullen“ Connor in einen jungen Ochsen und gewannen den Kampf in Birmingham.
Jetzt müssen wir in Memphis ebenso vorangehen. Uns werden keine Hunde oder Wasserwerfer zur Umkehr bringen, uns wird keine einstweilige Verfügung zur Umkehr bringen. Wir marschieren weiter. (…)
Boykott
Was wir noch tun müssen, ist dies: unsere direkte Aktion mit der Macht eines wirtschaftlichen Boykotts verbinden. Zugegeben: wir sind arme Leute. Als Individuen sind wir arm im Vergleich zu den weißen Amerikaner*innen. (…) Aber bleibt nicht bei dieser Erkenntnis stehen, vergesst nicht, dass wir kollektiv – d. h. wir alle zusammen – reicher sind als alle Nationen der Welt – von neun Staaten abgesehen. (…) Unser jährliches Einkommen beträgt mehr als 30 Milliarden Dollar, ein Betrag, der größer ist als das Exportvolumen der USA und größer als der Staatshaushalt Kanadas. Wusstet ihr das? Das bedeutet Macht, wenn wir sie zu sammeln verstehen.
Wir brauchen uns mit niemand zu streiten. Wir brauchen nicht zu fluchen oder böse Worte zu verlieren. Wir benötigen keine Steine und Flaschen, keine Molotow-Cocktails. Wir müssen nur zu den Geschäften und den Großindustrien in unserem Land gehen und sagen: „Gott hat uns hierher geschickt, um zu sagen, dass ihr seine Kinder nicht richtig behandelt. Ihr sollt, das fordern wir von euch, faire Behandlung der Kinder Gottes zum ersten Punkt eurer Tagesordnung machen. Freilich, wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann werden wir euch die wirtschaftliche Unterstützung entziehen.“
Deshalb bitten wir euch heute Abend: geht zu euren Nachbarn und sagt ihnen, sie sollen keine Coca Cola in Memphis kaufen. Keine „Sealtest“-Milch. Kein – wie heißt es noch gleich? – „Wonder“-Brot!. Wie Jesse Jackson gesagt hat: Bisher haben nur die Müllarbeiter*innen Schmerzen gefühlt, nun müssen wir die Schmerzen sozusagen neu verteilen. Wir haben diese Firmen ausgesucht, weil ihre Einstellungspraktiken unfair sind. Wir haben diese Firmen ausgesucht, weil sie damit anfangen können zu erklären, dass sie für die Rechte der Streikenden eintreten werden. Außerdem können sie Oberbürgermeister Loeb veranlassen, das Richtige zu tun.
Banken der Schwarzen fördern
Nicht nur das: wir müssen auch die von Schwarzen kontrollierten Institutionen stärken. Ich fordere euch auf, euer Geld aus den Banken in der Innenstadt abzuziehen und in der „Tri-State“Bank zu deponieren. Wir streben eine „bank-in“-Bewegung in Memphis an. Geht zur Spar- und Darlehnskasse. Ich verlange nichts von euch, was wir in der Southern Christian Leadership Conference (SCLC) nicht selbst tun. (…)
Schließt eure Versicherungen dort ab. Wir streben ein „insurance-in“ an. Das sind ein paar praktische Dinge, die wir tun können. Wir beginnen so allmählich, eine breite ökonomische Basis herzustellen. Gleichzeitig üben wir dort Druck aus, wo er wirklich spürbar ist. Ich bitte euch, lasst hier nicht nach!
Lasst mich, bevor ich meine Rede beschließe, noch dies sagen: wir müssen diesen Kampf bis zum Ende führen! Es wäre tragisch, wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt in Memphis aufhören würden. Wir müssen den Konflikt durchstehen bis zum Ende. (…)
Kein Niesen. Ein Leben
Wie ihr wisst, signierte ich vor einigen Jahren [im September 1958, d. Red.] in New York City mein erstes Buch. Und während ich saß, um die Autogramme zu geben, kam eine geistesgestörte schwarze Frau auf mich zu. (…) Bevor ich es merkte, hatte mir jene geistesgestörte Frau einen Stich versetzt. Ich wurde so schnell wie möglich in das Harlem Hospital gebracht. (…) Die Klinge des Messers war weit vorgedrungen und ihre Spitze reichte, wie die Röntgenaufnahmen zeigten, fast bis an die (…) Hauptschlagader. Und wenn diese Ader durchschlagen ist, dann ertrinkt man in seinem eigenen Blut – das ist das Ende.
Die New York Times berichtete am nächsten Tag, dass ich gestorben wäre, wenn ich nur geniest hätte. (…) Freundliche Briefe kamen aus allen Staaten, aus der ganzen Welt. Ich las einige, doch einen werde ich nie vergessen. Ich erhielt ein Schreiben vom Präsidenten und vom Vizepräsidenten (…).
Aber da war noch ein anderer Brief, von einem jungen Mädchen, (…) besuchte. Ich las jenen Brief, und ich werde ihn nie vergessen. Er lautete ganz schlicht: „Lieber Dr. King! Ich bin eine Schülerin der 9. Klasse in der White Plains High School. Es sollte zwar keine Rolle spielen, aber ich möchte doch erwähnen: ich bin ein weißes Mädchen. In der Zeitung las ich von Ihrem Missgeschick und Ihrem Leiden. Ich las auch, dass Sie gestorben wären, wenn Sie hätten niesen müssen. Ich schreibe Ihnen ganz einfach deswegen, weil ich Ihnen sagen möchte: Ich bin so glücklich, dass Sie nicht niesen mussten.“
Ja, ihr sollt heute Abend wissen: Auch ich bin glücklich, dass ich nicht niesen musste. Denn: (…) Hätte ich geniest, wäre ich 1961 nicht dabei gewesen, als wir uns zu einer Freiheitsfahrt entschlossen und der Rassentrennung im Verkehr zwischen den Bundesstaaten ein Ende machten.
Hätte ich geniest, wäre ich 1962 nicht dabei gewesen, als die Schwarzen von Albany, Georgia, sich entschlossen, den Rücken aufzurichten.(…) Denn niemand kann auf einem Rücken reiten, wenn er nicht gebeugt ist.
Hätte ich geniest, ich wäre 1963 nicht dabei gewesen, als die schwarzen Einwohner*innen von Birmingham, Alabama, das Gewissen der Nation anrührten und die Bürgerrechtsgesetzgebung auslösten.
Hätte ich geniest, ich hätte später im August keine Gelegenheit gehabt, Amerika von meinem Traum zu erzählen.
Hätte ich geniest, ich hätte nicht die eindrucksvolle Bewegung in Selma, Alabama, miterleben können.. (…). Ich bin so froh, dass ich nicht niesen musste.
(…) Nun, ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird. Schwierige Tage liegen vor uns. Aber das macht mir jetzt wirklich nichts aus.
Denn ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Ich mache mir keine Sorgen. Wie jeder andere würde ich gern lange leben. Langlebigkeit hat ihren Wert. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinübergesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch.
Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden. Und deshalb bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen wegen irgend etwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.
Zum Autor
Martin Luther King, * 1929, ermordet 1968, war Pfarrer und politischer Aktivist in den Südstaaten der USA. Er war ohne Zweifel eine Ikone der gewaltfreien Aktion.
Quelle
(c) Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh. Diese Rede wurde veröffentlicht in: King, Martin Luther: Testament der Hoffnung: letzte Reden, Aufsätze u. Predigten / Martin Luther King. Eingel. u. übers. von Heinrich W. Grosse. – Orig.-Ausg., 4. Aufl., (25.-32. Tsd.). – Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Mohn. 1981, S. 107-118.
Im Internet findet sich der Text auf auf der Webseite des Lebenshauses Alb (Link: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/004944.html). Von der Redaktion wurde der Text stark gekürzt und an den wenigen Stellen, wo das notwendig war, eine Gender-gerechte Formulierung gewählt.