Vorveröffentlichung: Kämpferische Demokratie

Militärische Besetzung und gewaltlose Befreiung des Ruhrgebiets 1923-1925. Ein neues Buch zu den historischen Ereignissen. gewaltfreieaktion.de veröffentlicht die Einleitung zur Leseprobe.
Hier ist das Titelbild zu sehen. Es zeigt einen deutschen Zivilisten und einen französischen Besatzungssoldaten mit Gewehr auf dem Platz vor dem Essener Hauptbahnhof 1923.
Begegnung mit ungewissem Ausgang ... Soldaten der Besatzungsarmee und ein Passant, irgendwo im Ruhrgebiet während der Besetzung im Jahre 1923. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R09876, Fotograf-in: o.Ang., CC BY-SA 3.0 de)

von Barbara Müller

Wer heute die deutsche Demokratie verteidigen will, hat oft den Untergang der Weimarer Republik drohend vor Augen. Eine Demokratie ohne Demokratinnen und Demokraten sei sie gewesen. Doch dieses Bild trügt. Die Weimarer Republik ist die erste vom Volk selbst erkämpfte Demokratie in Deutschland. Sie entsteht 1918 unter schwierigsten äußeren und inneren Umständen. Demokraten schultern die Last eines verlorenen Krieges, in den eine autoritäre Monarchie zuvor hineingeführt hat. Mit dem Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg reichen die alliierten Siegermächte der Demokratie keine versöhnliche Hand. Innere Feinde gibt es rechts wie links genug. In ihren ersten fünf Jahren navigiert die Weimarer Demokratie regelmäßig am Abgrund von Putsch und Bürgerkrieg. Doch sie stabilisiert sich immer wieder. Weil sich Menschen entschieden für sie einsetzen.

Die erste deutsche Demokratie – erkämpft, bekämpft und verteidigt

So wie die junge Frau in Hof in Franken, über die der „Vorwärts“ am 15. November 1923 berichtet. Der Hitlerputsch ist erst wenige Tage her. „Ein sechzehnjähriges Mädchen, das an seiner Bluse ein schwarz-rot-goldenes Bändchen trägt, geht ahnungslos die „Pfarr“ entlang. Plötzlich stellt sich ein Hakenkreuzler vor sie hin und fordert sie auf, das Bändchen zu entfernen. Als das Mädchen dieses Ansinnen ablehnt, bekommt sie ein paar schallende Ohrfeigen, und der Hakenkreuzjüngling geht fort. Keiner der Passanten findet den Mut, ihm entgegenzutreten, weil er bewaffnet ist. Er würde von seiner Schusswaffe Gebrauch machen, weil er weiss, dass er vom Gericht wegen Notwehr freigesprochen würde.“ (Vorwärts vom 15. 11.1923 Abendausgabe „Im Lande der Faschisten“).

Die Weimarer Demokratie erfindet im Jahr 1923 überdies eine völlig neue Form der Selbstbehauptung in einem äußeren Konflikt. Seit Januar bekämpft sie die vertragswidrige militärische Besetzung des Ruhrgebiets mit weitestgehend gewaltlosem Widerstand. Französische und belgische Truppen sind in das entmilitarisierte Ruhrgebiet einmarschiert, bewaffnet wie für einen Krieg. Ihre Aktion trifft jedoch auf eine gänzlich unerwartete zivile Gegenwehr der Bevölkerung und auf eine deutliche politische Abwehr in Berlin.

Diese Geschichte ist gar nicht so weit weg. Meine Großeltern haben sie erlebt, meine Eltern sind in diesen Jahren, 1923 und 1925, geboren. Mein Vater begegnet Jahrzehnte später in seiner Ausbildung noch einem Lehrer, der „dabei war“, ein „alter Eisenbahner“. „Wenn wir keine Lust auf den Lehrstoff hatten,“ so berichtete mein Vater, „haben wir ihn irgendwie auf den passiven Widerstand 1923 gebracht. Dann leuchteten seine Augen. Stundenlang hat er uns erzählt, wie sie die Lokomotiven versteckt und die Züge umgeleitet haben.“

Militärischer Einmarsch trifft auf zivile Gegenwehr

Essen, 11. Januar 1923. Eine Kaufmannsfrau notiert in ihr Tagebuch: „Das ist ein trauriger Jahresanfang. Gerade vor unserem Haus stehen eine Menge Kanonen und ein endloser Zug von Reitern. Die Franzosen halten Einzug in unsere Stadt. Kein Mensch ist auf der Strasse, und wir haben alle Rollladen als Zeichen des Protestes heruntergelassen“. [1] 45.000 Soldaten besetzen in den nächsten Tagen das Kerngebiet des Ruhrgebiets. Sie kommen mit Panzerwagen und Reitern, Infanterie und Kavallerie. Selbst die Luftwaffe ist dabei. Eine friedliche Besetzung soll das sein, sagen die Besatzer. Von der Bevölkerung wird Gehorsam erwartet. Alle Institutionen sollen sich der faktischen Macht der Waffen unterordnen. Doch die Rechnung geht nicht ganz auf.

Essen wird zuerst besetzt. Hier erleben die einrückenden Truppen zwei böse Überraschungen. Der Oberbürgermeister kommt nicht vor das Rathaus, um die Herrschaft der Stadt zu übergeben. Stattdessen müssen die Offiziere warten und werden dann – wie jeder andere auch – im Dienstzimmer empfangen. Hier erhebt der Oberbürgermeister Einspruch gegen die Gewalt. So sollte das nicht ablaufen! In Essen ist außerdem der Sitz des Kohlensyndikats. Das ist die mächtige Zentrale der Kohlenindustrie. Hier liegen die Daten der gesamten Kohleproduktion und -verteilung. Doch als die mit den Truppen mitgereisten technischen Kontrolleure Einsicht in die Akten verlangen, stellt sich heraus: Die Akten sind weg. [2]

Ernsthaft wehrhaft ohne Waffen: Ein dritter Weg zwischen Kapitulation und Krieg

Tausende Soldaten in Waffen können also auf Anhieb nicht erreichen, wozu sie gekommen sind: die Unterordnung und die Kontrolle über eine Bevölkerung, die den Einmarsch als großes Unrecht empfindet. „Die französische Armee“, so wird der französische Gesandte in Berlin Anfang Februar intern zitiert, „steht in Deutschland einem weit gefährlicheren Feind gegenüber, der zwar nicht mit Waffen, sondern mit energischem Widerstand und verletzten patriotischen Gefühlen ausgestattet ist“. [3] Ein Dreivierteljahr brauchen die Besatzungsmächte, um diesen Widerstand niederzuringen.

Am 26. September 1923 ruft die Reichsregierung dazu auf, den Widerstand einzustellen. In Berlin wird nun erwartet, dass es zu Gesprächen mit Frankreich und Belgien darüber kommt, wie die Arbeit wieder aufgenommen werden kann. Doch nun drehen die Besatzungsmächte den Spieß um. Sie weigern sich, mit Berlin zu sprechen und setzen ihre Besatzungspolitik fort. Das Rheinland und das Ruhrgebiet hängen für die nächsten Wochen in der Luft, was ihre Zukunft angeht.

Im November 1923 sieht es sogar so aus, als ob sehr weit reichende französische Pläne für diese Region in Erfüllung gehen. Das besetzte Gebiet könnte zum Protektorat werden. Im Rheinland könnte ein Pufferstaat entstehen. Es gibt gewaltsame Abtrennungsbewegungen vom Reich. Nun aber, auf dem Höhepunkt der militärisch errungenen Herrschaft, sind es die eigenen Alliierten, die ihrem Verbündeten Frankreich eine Grenze setzen. [4]

Im unbesetzten Deutschland hat sich die Lage extrem zugespitzt. Die Währung ist bankrott, in einzelnen Bundesstaaten wird laut an Abspaltung und der gewaltsamen Abschaffung des demokratischen Systems gearbeitet. Aber die Demokraten halten durch. Sie schaffen in diesen Monaten den Staatserhalt und die Sanierung der Währung. Allmählich stabilisiert sich das Land, doch es ist eine Rosskur, die die sozialen und politischen Gräben vertieft. [5]

Schließlich schafft eine kluge Diplomatie die Truppen wieder aus dem Land. Das funktioniert, weil die großen globalen Mächte ihre Interessen nun aktiv mit neuen politischen Initiativen verfolgen. Das eröffnet einen neuen Raum für politische Verhandlungen. Erstmals seit dem Weltkrieg entstehen im direkten Austausch zarteste Ansätze von Verständnis für die jeweils andere Seite. Der hartnäckige, schließlich verzweifelte Widerstand hat dazu seinen Teil beigetragen und diesen Wandel mit herbeigeführt. Im Hause der Essener Kaufmannsfrau sind inzwischen französische Soldaten einquartiert. Als diese dann – es ist Sommer 1925 – mit den letzten Truppen Essen verlassen, notiert sie: „Die Franzosen sind wirklich fort. Wir gingen durch unsere Zimmer und mussten vor Freude weinen!“ [6]

Kämpferische Demokratie gegen militärische Aggression

Zur Verteidigung einer Demokratie und ihrer Werte braucht es offensichtlich eine kluge politische Führung, es braucht die gesellschaftlichen Institutionen und die Menschen an der Basis. Gegen eine militärische Aggression von außen schafft es selbst diese tief gespaltene Gesellschaft, über Monate hindurch im Widerstand zusammenzuhalten. Sie stellt sich hinter eine Regierung, die selbst improvisiert. Dieser Widerstand entsteht aus dem Stand. Schon bald wird sichtbar – lange können wir das nicht durchhalten! Wann kommt es zu Verhandlungen? Als die Diplomatie in Gang kommt, ist es Sommer und der Widerstand mit den Kräften am Ende. Aber nach der Kapitulation bleibt das Ziel bestehen. Es ist spannend zu sehen, wie in den nächsten Monaten die Interessen der mächtigen Staaten genutzt werden können. Denn die drohende Verschiebung der Machtbalance auf dem Kontinent berührt auf einmal deren lebenswichtige Interessen. Doch auch die persönliche Begegnung spielt eine Rolle. Auf der Konferenz in London keimt zwischen den französischen, belgischen und deutschen Delegationen Vertrauen und erstes Verständnis. Der britische Premier und Gastgeber erschafft und erhält diesen geschützten Raum, unterstützt vom amerikanischen Vertreter. Es gibt in allen Ländern immer noch eine hohe Empfindlichkeit und Dünnhäutigkeit. Durch alle Untiefen polarisierender öffentlicher Debatten lotsen die Verantwortlichen die letzten Truppen im Sommer 1925 aus dem besetzten Gebiet wieder hinaus.

Die Weimarer Republik hat wichtige Grundlagen für unseren modernen demokratischen Staat von heute gelegt. Sie trägt den schwersten internationalen Konflikt um die Umsetzung des Versailler Vertrages konsequent gewaltlos aus. Die Besetzung des Ruhrgebiets und der weitestgehend gewaltlose Widerstand dagegen ist davon die heißeste und gefährlichste Etappe.

Einer von denen, die von Anfang bis Ende diesen Weg verantwortlich mitgestalten, ist der Essener Oberbürgermeister Hans Luther. Im Januar 1923 ist er gleichzeitig Minister in der Reichsregierung. Im September 1925 begleitet er als Reichskanzler den neuen Reichspräsidenten Hindenburg zur Befreiungsfeier nach Essen. Dort sagt er: „Wir müssen als ganzes deutsches Volk wissen, was der Ruhrbezirk und was die einzelnen im Ruhrbezirk geleistet und gelitten haben“ [7]. Der Mann hat Recht. Diese Geschichte ist zu Unrecht in der Versenkung verschwunden. Sie beginnt aber nicht am 11. Januar 1923.

Sondern im Sommer 1914.

Endnoten

[1] Aufzeichnungen Elisabeth Böhmer, 1934-1937, zitiert nach: WUTTKE, Ruhrbesetzung, S. 17f., Frau Böhmers Protestaktion war einem Aufruf der Essener Stadtverwaltung gefolgt, s. WISOTZKY, Essen unter französischer Besatzung, S. 32. Beide in: Heinrich Theodor Grütter, Hände weg vom Ruhrgebiet! Die Ruhrbesetzung 1923-1925 (= Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Ruhr Museum, Essen vom 12.1.-27.8.2023. Hg. v. Ingo Wuttke und Andreas Zolper), Essen 2023.

[2] BUNDESARCHIV KOBLENZ Akten der Reichskanzlei, B 43I/203, Bl. 128f. vom 11. Januar 1923 zur Haltung des OB Essen; allgemein zum Einmarsch: MÜLLER, BARBARA, Passiver Widerstand im Ruhrkampf, Diss. Berlin 1995, S. 113-115.

[3] BUNDESARCHIV KOBLENZ Akten der Reichskanzlei, B 43I/207, Bl. 97f. vom 8.2. über eine Äußerung des französischen Gesandten de Margerie in Berlin.

[4] Mayer, Karl J., Die Weimarer Republik und das Problem der Sicherheit in den deutsch-französischen Beziehungen 1918-1925 (= Europäische Hochschulschriften Reihe III, Bd. 440), Frankfurt, Bern, New York, Paris 1990, S. 169-172, S. 178f.

[5] Ullrich, Volker, Schicksalsstunden einer Demokratie. Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik. München 2024.

[6] Wie Endnote 1, Wuttke, S. 28.

[7] Essener Volks-Zeitung. 1869-1941 257 (18.9.1925)

Zur Autorin

Dr. Barbara Müller ist Friedens- und Konfliktforscherin, Historikerin, Moderatorin, Coach und Organisationsentwicklerin. Sie ist Mitarbeiterin im Institut für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung e.V. (IFGK). Bereits in ihrer Dissertation hatte sie die Geschichte des Ruhrkampfs untersucht. Mit ihrem neuen Buch erfolgt nun eine erneute Auseinandersetzung und Neubewertung der Ereignisse.

Das Buch:

Müller, Barbara (2025): Kämpferische Demokratie: Militärische Besetzung und gewaltlose Befreiung des Ruhrgebiets 1923-1925
Sparsnäs: Irene Publishing
ISBNW 978-9189-9262-02
214 Seiten
21,27 Euro
erhältlich bei Irene Publishing, lulu oder beim Bund für Soziale Verteidigung.

Klappentext:

Für die erste Demokratie auf deutschem Boden war das Ruhrgebiet das industrielle Herz – unverzichtbar für das Überleben des ganzen Landes. Auch für die Siegermächte des ersten Weltkriegs war das Revier eine eigene „Hausnummer“. Die Drohung mit seiner militärischen Besetzung diente jahrelang als letztes Druckmittel, um alle deutschen Regierungen zur Einhaltung der Zahlungspläne und Lieferabkommen zu zwingen, die aus dem Versailler Vertrag resultierten. Im Jahr 1923 rückte das Ruhrgebiet in den weltweiten Fokus, als französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzten, um ausstehende Reparationszahlungen einzutreiben. Die militärische Besetzung traf auf den gewaltlosen Widerstand der Bevölkerung. Eine ganze Region befand sich über Monate in Ungehorsam – eine ultimative Eskalation, die jedoch zum Wendepunkt in Deutschland, bei den Alliierten und schließlich auch in Frankreich wurde. Die Londoner Konferenz im Sommer 1924 zerbrach fast über dem Streit ums Revier. Doch in Frankreich reifte der Mut, das Ruhrgebiet 1925 wieder freizugeben. Das Buch bereitet ein elementares Stück Ruhrgebietsgeschichte spannend auf.

Die Autorin Dr. Barbara Müller hat über den Ruhrkampf in den 1990er Jahren promoviert und ihre Erkenntnisse von damals aktualisiert und stellt sie mit diesem Werk nicht nur Historiker*innen, sondern auch denjenigen zur Verfügung, die an dem Konzept der Sozialen Verteidigung und historische Vorbilder für gewaltfreie Verteidigung interessiert sind.

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