Buchbesprechung: Evangelische Kirche und aktive Gewaltfreiheit

In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) rumort es, seit der Rat der EKD im November 2025 die Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ veröffentlichte. Unser Redakteur Martin Arnold rezensiert eine der kritischen Veröffentlichungen zu der EKD-Denkschrift.
Titel des rezensierten Buches zur EKD-Friedensschrift

Von Martin Arnold

In der katholischen Kirche gibt es seit Papst Franziskus, fortgesetzt von seinem Nachfolger Leo XIV., eine von vielen seit langem ersehnte Entwicklung bei der Ermutigung zu aktiver Gewaltfreiheit als „Stil christlicher Politik“ – die gewaltfreieaktion.de berichtete mehrfach: Zum Tode von Papst Franziskus, zur Gründung des Instituts für Gewaltfreiheit in Rom, das Gespräch mit Wolfgang Palaver (Pax Christi Österreich).

In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) rumort es, seit der Rat der EKD im November 2025 die Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ veröffentlichte.

Sie provozierte sofort viele Reaktionen. 35 kritische Wortmeldungen haben die Solidarische Kirche im Rheinland und das Ökumenische Institut für Friedenstheologie nach zwei Monaten dokumentiert, einen Monat später folgte ein zweiter Band, beide besorgt von Peter Bürger. Weitere Antworten sind in Arbeit.

Zwar wiederholte die EKD in ihrer Denkschrift breit frühere Aussagen, aber sie brach mit wesentlichen Positionen bis hin zur Atomwaffenfrage. Schärfste Kritik folgte: „Die [EKD-]Autor:innen erliegen dem Mythos der erlösenden Gewalt“ (50, ähnlich 12, 32f, 171, 190, 211, 227, 277).

Die ausführlichen Stellungnahmen und weitere Texte machen diese Dokumentation spannend, für den Friedensdiskurs notwendig und überaus nützlich für alle, die sich an der aktuellen Kontroverse zur christlichen Friedensbotschaft beteiligen wollen. Denn sie erschließt vollständig das breite Spektrum der kritischen Voten bis Februar 2026 aus kirchlichen Initiativen, Publizistik, Friedensbewegung, Wissenschaft und christlicher Basis.

Gut, dass die umfangreiche Sammlung sowohl digital kostenlos als auch auf Papier günstig erhältlich ist!

Was bietet die Umdenkschrift?

Sie beginnt mit allgemeinen Überlegungen zum Verhältnis von Kirche und Politik (1931: Rabbiner Leo Baeck, 2025: Jacob Augstein und Bascha Mika: „Bedeutungsschwund“ (20)).

Sodann gliedert sie sich in 5 Abteilungen:

„Kritik aus kirchlichen Gruppierungen“ mit Beiträgen aus: Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung, Initiative Christlicher Friedensruf, Pfarrer und Gefängnisseelsorger Thomas-Dietrich Lehmann (Zeitpunkt, CH), Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK), Versöhnungsbund-Gruppe Magdeburg (Barbara Bürger & Dr. Eberhard Bürger), Solidarische Kirche im Rheinland, 3. Friedenswerkstatt Bonn und Ökumenische Vernetzungsinitiative Casa Comun. Bruno Kern kommentiert die berühmte Aufforderung, nach dem Schlag auf die rechte Wange freiwillig die linke hinzuhalten (95).

„Publizistische Widerworte“ werden dokumentiert von Marcus Klöckner (Nachdenkseiten), Franz Segbers und Stefan Seidel (Zeitzeichen), Christoph Fleischmann (Publik-Forum), Ulrich Duchrow (Sozialismus.de).

– Im „Echo aus Friedens- und Sozialbewegung“ kommen zu Worte: Aktionsbündnis „atomwaffenfrei.jetzt“, Bundesarbeitsgemeinschaft Linke Christ:innen, Christ*innen in der DFG-VK, ICAN Deutschland, gewerkschaftliche Basisinitiative ‚Sagt Nein!‘, Unabhängige Grüne Linke sowie Albert Ottenbreit (Pax Christi Saar)

„Zusendungen“ enthält Einzelbeiträge von: Ursula Mathern, Manfred Alberti, Clemens Ronnefeldt, Gerhard Kern und Gregor Böckermann.
– In „Umdenkschrift und Friedenstheologie“ schließlich sind Beiträge versammelt von Uwe-Karsten Plisch, Theodor Ziegler, Heinrich Schäfer, Friedrich Erich Dobberahn, Matthias-W. Engelke, Egon Spiegel und Markus Weingardt.

Weitere Voten erscheinen als Zitate in Kastentexten, so das Widerwort des Theologen Michael Trowitzsch zur besonders umstrittenen neuen Kirchenlinie in Sachen „Atombombe“. Frauen sind insgesamt unterrepräsentiert. Grafisch stark regen in der Printausgabe Jahresmotive von Ökumenischen Friedensdekaden zum Betrachten an.

Aktive Gewaltfreiheit ist dem Vorgehen mit Waffengewalt überlegen, wie die Politikwissenschaftlerinnen Chenoweth & Stephan bei Aufständen, auch gegen Besatzer, statistisch nachwiesen. Auf diese preisgekrönte Studie – die der EKD offenbar unbekannt ist, s. Band 2, 45 – weisen mehrere Beiträge hin. In diesem Sinn wird die gewaltfreie Soziale Verteidigung befürwortet als „ein internationales Signal, eine … auf gemeinsamer Sicherheit beruhende Friedensordnung aufzubauen.“ (90)

EKD-Vorschläge für diesen Aufbau vermissen viele. Ein Kommentar des Konfliktforschers Markus Weingardt beschließt Band 1: „Die große Schwäche der Friedens-Denkschrift […] besteht darin, dass sie der Gewaltlosigkeit nicht traut. Das ist ebenso erschreckend wie traurig wie folgenreich […], denn indem die Idee und Praxis der Gewaltlosigkeit […] marginalisiert wird, wird zugleich jener marginalisiert, der die Idee und Praxis der Gewaltlosigkeit lehrte und lebte, Jesus selbst. […] Wenn Kirche in […] einer ‚Welt in Unordnung‘ nicht anderes, nicht mehr zu sagen hat, dann […] macht sie sich überflüssig.“

Die Frage nach der Relevanz des EKD-Papiers durchzieht auch Band 2 mit 17 wichtigen Antworten, beginnend mit zwei Texten in ausgesprochen freundlicher Diktion von Günter Brakelmann & Arno Lohmann sowie von Ralf Becker, der die Positiv-Perspektive von „Sicherheit neu denken“ anwendet.

Es folgen Stellungnahmen von Klaus Straßburg, Burkhard Paetzold (aus der Tradition des friedensethischen Diskurses in der DDR zur Frage nuklearer Abschreckung), Nicolai Franz, Wilfried Preuß, von den Internationalen Ärzt*innen zur Verhütung des Atomkrieges IPPNW sowie in einem Medienspiegel weitere Zitate vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU, von „Gewaltfrei grün“, vom ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, von Friedens- und Konfliktforscherin Johanna Speyer, vom Moderator des Reformierten Bundes in Deutschland Bernd Becker, vom mennonitischen Theologen Fernando Enns, von Church & Peace und von der Informationsstelle Militarisierung. Den Abschluss bildet ein besonders streitbarer Debattenbeitrag von Peter Bürger.

Welche Bedeutung hat das EKD-Papier?

Wie wichtig nimmt die EKD es selbst?

Bei seiner Vorstellung hatte Co-Redaktionsleiterin Friederike Krippner am 10.11.2025 in Dresden gesagt, sie erhoffe sich, dass der Rat kommende Stellungnahmen zu Kriegen und Konflikten im Licht der neuen Friedensdenkschrift verfasse.

Die Probe aufs Exempel forderte der am 28.2.2026 begonnene einhellig als völkerrechtswidrig eingestufte Krieg gegen den Iran. Der katholische Militärbischof, Bischof Franz-Josef Overbeck sagte dazu: „Einen Krieg anzufangen, der nicht rechtlich abgesichert ist, bleibt Unrecht.“

Die EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Kirsten Fehrs, und auch der EKD-Auslandsbischof Frank Kopania enthielten sich in ihren Statements einer völkerrechtlichen Einordnung. Zitat aus der Denkschrift, S. 44: „Rechtsstaatlichkeit, Geltung des Völkerrechts, […] sind unverzichtbare Elemente der evangelischen Friedensethik.“

Die Sache hat Tradition: Beim NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999 waren ebenso vorher von der EKD formulierte Kriterien der Rechtfertigung nicht erfüllt – was evangelische Kirchenführer nicht davon abhielt, den völkerrechtswidrigen Einsatz als gerechtfertigt zu kommentieren.

Viele sehen in dem EKD-Papier nicht mehr als eine „militärkirchliche Dienstleistung für den Staat“ (Band 2, 110) – wie die Worte von Bischof Huber 1999 – und eine „reine Anpassung an den waffengläubigen Zeitgeist“. (Band 1, 120). „Werden [… die] friedensethischen Debatten [der Kirche] in der Öffentlichkeit nur als eine Duplizierung bereits stattfindender politischer Diskurse wahrgenommen und kommt das christliche Proprium nicht zum Vorschein, kann dies zu einem weiteren Bedeutungsverlust der Kirche führen.“ (Band 1, 134)

Wie wird die Kirche ihrem prophetischen Auftrag gerecht?

Die dokumentierten Voten können als Versuch verstanden werden, angesichts des verbreiteten Irrglaubens an den „Mythos der Wirksamkeit militärischer Interventionen“ (Band 2, 34) das Besondere der christlichen Friedensbotschaft öffentlich zur Sprache zu bringen: Heute, in der Zeit großer Umbrüche und Unsicherheiten eine notwendige Lektüre, die auch ermutigend und heilsam wirken kann!

Die EKD schrieb: „Sie lädt zum informierten Durchdenken ein“ (dort S. 18). Ich wünsche mir eine gut strukturierte Webseite, auf der alle bisherigen und weitere kommende Beiträge stehen und kommentiert werden können, wo die Debatte aktuell öffentlich zugänglich und sichtbar produktiv und konstruktiv weitergeführt wird.

Die beiden rezensierten Bände

Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Eine Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (= edition pace Bd. 43). Hamburg: BoD 2026. (ISBN 978-3-6957-4347-6; 300 Seiten; 12,99 €) https://buchshop.bod.de/umdenkschrift-zum-evangelischen-diskurs-ueber-krieg-und-frieden-9783695743476Digitalausgabe im Internet: https://solidarischekirche.de/wp-content/uploads/2026/01/SOKI-Umdenkschrift-2026.pdf

Umdenkschrift II zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Zweite Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (= edition pace Bd. 44). Hamburg: BoD 2026. (ISBN 978-3-6957-4733-7; 152 Seiten; 7,99 Euro) https://buchshop.bod.de/umdenkschrift-ii-zum-evangelischen-diskurs-ueber-krieg-und-frieden-9783695747337; Digitalausgabe im Internet: https://solidarischekirche.de/wp-content/uploads/2026/02/SOKI-Umdenkschrift-Zwei.pdf

Zum Autor

Martin Arnold ist Redakteur von gewaltfreieaktion.de und pensionierter Pfarrer aus Essen.

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