Von Aparajita Ghosh und Gaurav Kumar
Am 29. Juni 2026 versammelten sich Tausende Menschen am Jantar Mantar in Neu-Delhi, dem ausgewiesenen Ort der Hauptstadt für öffentliche Demonstrationen. Es war die zweite Woche eines immer größer werdenden Sitzstreiks, der online von einer Welle des Widerstands begleitet wurde.
Die Demonstrant*innen kamen mit der indischen Flagge, Exemplaren der Verfassung und roten Rosen, die sie den an diesem Ort stationierten Polizeibeamten überreichten. Freiwillige ermahnten die Teilnehmenden, diszipliniert zu bleiben, Konfrontationen zu vermeiden und die Ereignisse mit ihren Handys zu dokumentieren. “Die Wahrheit braucht keine Sprecher*innen, nur deine Kamera”, sagten die Organisator*innen den Protestierenden. Viele von ihnen führten Plakate mit sich, auf denen “Ich bin auch eine Kakerlake” steht, einige trugen Kakerlaken-Masken und bezogen sich so auf das Icon, das die Bewegung inspiriert hat.
Am 29. Juni trugen Demonstranten am Jantar Mantar handbemalte Plakate, die politische Kritik mit Meme-Kultur, Bollywood-Anspielungen und Internet-Humor verbanden. Auf einem Schild stand: „Wir haben nach ‚Make in India‘ gefragt, ihr habt uns ‚Leak in India‘ gegeben“ – eine Anspielung auf Modis Vorzeigekampagne zur Förderung der Fertigungsindustrie und die wiederholten Leaks von Prüfungsunterlagen, die die Proteste ausgelöst hatten. Auf einem anderen stand schlicht „Bro ist immer noch im Amt“ neben einem Foto des Bildungsministers Dharmendra Pradhan, während andere für die Kampagne „Pradhan Go Back“ warben.
Zwischen Reden und Darbietungen sah man auch Gruppen von Studenten, die Cricket spielten, was der Protestaktion über den Charakter einer politischen Demonstration hinaus den eines Gemeinschaftstreffens verlieh.
Der bekannte Slogan „Azaadi“ (Freiheit) wurde neu interpretiert, um die Frustration über das Bildungssystem zum Ausdruck zu bringen. Die CJP bat die Demonstrant*innen außerdem, Kerzen mitzubringen, „zum Gedenken an alle Schüler*innen, die Selbstmord begangen haben, und die die Regierung nicht geschützt hat“. Visuelle Symbolik ist zu einem weiteren prägenden Merkmal der Bewegung geworden. Gruppen schlugen auf Stahlplatten und Löffel, womit sie an Modis Aufruf aus dem Jahr 2020 anspielten, bei dem er die Inder*innen dazu aufgerufen hatte, während der COVID-19-Pandemie mit Kochgeschirr Krach zu machen, um die Mitarbeiter*innen an vorderster Front zu unterstützen. Diesmal wurde diese Geste zu einer Forderung nach Rechenschaftspflicht seitens der Regierung.
Wie kam es zu diesen Protesten? Was als Indiens erster „Gen-Z-Protest“ bezeichnet wird, wurde durch ein Bildungssystem ausgelöst, von dem viele junge Inder glauben, dass es ihnen keine fairen Chancen bietet. Und bei dem die Prüfungsaufgaben, für die Millionen Aspirant*innen für das Medizinstudium lernen müssen, geleakt wurden und wiederholt werden mussten. Der Stress der jungen Menschen hat zu vielen Selbstmorden und psychischen Belastungen geführt. Die Empörung wurde schließlich noch von einer Äußerung des Präsidenten des Obersten Gerichtshofs angeheizt, der arbeitslose Jugendliche des Landes als „Kakerlaken“ und „Parasiten“ bezeichnete. (Die Arbeitslosenquote unter Hochschulabsolvent*innen liegt in Indien bei geschätzt 15,2 Prozent.)
Damit war der Name der Gruppe geboren, denn inmitten des nachfolgenden Aufrufs im Internet über die Äußerung des Obersten Richters stellte Abhijeet Dipke, ein 30-jähriger indischer Student aus Boston, beiläufig eine Frage auf X: „Was wäre, wenn sich alle Kakerlaken zusammenschließen würden?“
Die Geburt der Kakerlaken Volkspartei
Dipkes Aufruf löste rasch eine Welle von Reaktionen aus, und Millionen junger Inder*innen nahmen die Kakerlake als Symbol des Widerstandswillens an.
Am 16. Mai kündigte Dipke die Gründung der „Cockroach Janta Party“ (CJP) an, einer satirischen politischen Gruppierung. Dies wurde weithin als Seitenhieb auf die politische Partei von Premierminister Narendra Modi, die Bharatiya Janta Party (BJP), angesehen, die seit 2014 an der Macht ist. „Die CJP entstand als Idee, nachdem wir gesehen hatten, dass Millionen von Jugendlichen immer wieder das Recht auf Mitsprache verwehrt wurde“, erzählte mir Dipke. „Wenn die Behörden die Stimmen der Menschen unterdrücken, ist das genau der Moment, in dem die Menschen zusammenkommen und ihre Stimmen erheben sollten.“
Die Partei sah sich als „die Stimme der ausgebrannten Jugend“ und als „eine politische Partei für die Menschen, die das System vergessen hat“. Dipke richtete eine Parteiseite ein, auf der er die Ziele darlegte und Unterstützende dazu einlud, ihre Mitgliedschaft zu beantragen. Die Anforderungen spiegelten den respektlosen Ton der Bewegung wider. Potenzielle Mitglieder, so scherzte die Website, sollten arbeitslos, faul, chronisch online und im Besitz der „Fähigkeit, professionell zu schimpfen“ sein.
Innerhalb weniger Tage hatten sich Zehntausende über ein Online-Anmeldeformular registriert, während sich der Hashtag #MainBhiCockroach („Auch ich bin eine Kakerlake“) in den sozialen Medien weit verbreitete. Die Bewegung erhielt zudem öffentliche Unterstützung von mehreren Oppositionspolitiker*innen. Der Instagram-Account der Partei hat mittlerweile die Marke von 22 Millionen Followern überschritten und damit den offiziellen BJP-Account überholt, der trotz der Tatsache, dass die BJP hinsichtlich der Mitgliederzahl weithin als die weltweit größte politische Partei gilt, nur rund 9,4 Millionen Follower hat.
Der CJP-Account auf X, der mehr als 200.000 Follower angezogen hat, war innerhalb Indiens bereits zweimal nicht erreichbar, wobei Nutzer*innen die Meldung erhielten, dass „der Account aufgrund einer rechtlichen Mitteilung gesperrt wurde“.
Vom Meme zu einer Bewegung
„Es ist an der Zeit, diesen kleinen Scherz in eine Revolution zu verwandeln“, hieß es auf dem offiziellen CJP-Account auf X, nachdem Dipke angekündigt hatte, dass er von Boston nach Indien zurückkehren werde. Am 6. Juni fuhr Dipke direkt vom Flughafen zum Jantar Mantar in Neu-Delhi, wo die Partei ihre erste Protestkundgebung abhielt und den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan forderte – wegen der wiederholten Vorabveröffentlichungen von Prüfungsfragen und anderer Versäumnisse bei der Durchführung von Auswahlprüfungen, von denen Millionen von Studierenden und Arbeitssuchenden betroffen sind.
Trotz der enormen Online-Reichweite der Bewegung nahmen Medienberichten zufolge weniger als 2.000 Menschen an der Eröffnungsveranstaltung teil. Das zeigt, dass eine Kluft zwischen digitaler Unterstützung und physischer Mobilisierung besteht.
Dipke stand in der Sommerhitze Delhis vor der Menge und gab Pradhan bis 17 Uhr desselben Tages Zeit, zurückzutreten. Als keine Reaktion kam, verlängerte er die Frist um eine weitere Woche. „ Wenn er nicht innerhalb der nächsten sieben Tage abgesetzt wird oder zurücktritt, werden wir gezwungen sein, unseren Protest vor Ort fortzusetzen“, schrieb er später auf X. Anstatt abzuebben, gewann die Bewegung weiter an Dynamik und ist – als dieser Artikel entsteht – bereits in ihren zweiten Monat gegangen.
Ab dem 11. Juni organisierten CJP-Mitglieder Demonstrationen in Städten wie Pune, Lucknow, Amritsar, Hyderabad und Bangalore. Die Forderung blieb unverändert: Pradhan muss zurücktreten. Als der Minister sich weigerte, verschärfte die Organisation ihre Kampagne und kündigte ab dem 20. Juni einen unbefristeten Sitzstreik am Jantar Mantar an. „Dieser Protest wird so lange andauern, wie es nötig ist“, erklärte Dipke.
Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern, Anwält*innen, Aktivist*innen, Landwirt*innen und Gewerkschaftsmitglieder trafen aus dem ganzen Land ein. Freiwillige koordinierten die Versorgung mit Essen, Wasser und medizinischer Hilfe, während Unterstützer*innen die Bewegung online weiter bekannt machten. Bislang wurden 800.000 Online-Petitionen unterzeichnet, in denen Pradhans Entlassung gefordert wird.
Große Unterstützung kam von Studierendenorganisationen. Aber auch Bäuer*innenverbänden wollten sich der Demonstration am 28. Juni anschließen. Am Morgen des Protests wurden jedoch Berichten zufolge mehrere führende Vertreter*innen unter Hausarrest gestellt, wodurch sie daran gehindert wurden, den Ort der Demonstration zu erreichen.
Unter staatlicher Überwachung
Je mehr die CJP-Proteste an Dynamik gewinnen, desto stärker wuchs die Polizeipräsenz. Demonstrant*innen, die am Jantar Mantar eintrafen, mussten sich ausweisen und durch ein Scangerät gehen, bevor sie Zutritt erhielten. Die Sicherheitsvorkehrungen reichten weit über den Eingang hinaus. Polizeifoto- und -videograf*innen in Zivil mischten sich unter die Menge und dokumentierten die Versammlung von innen heraus. Es wurden Überwachungskameras installiert, und die Polizei von Delhi setzte rund 270 Körperkameras ein. Mehrere Polizeibusse standen den ganzen Tag über vor dem Protestgelände, während Drohnen über den Köpfen schwebten und die Demonstration aus der Luft vermutlich filmten.
Die CJP wirft der Regierung vor, auch die Telefonate und Chats der Demonstrant*innen zu überwachen. Als es Abend wurde, spitzte sich die Lage zu. Die Polizei kündigte wiederholt an, dass die Demonstrant*innen das Gelände räumen müssten. Kurz darauf wurde die Stromversorgung der Bühne unterbrochen, wodurch die Lautsprecheranlage verstummte. Die Demonstrant*innen behaupten, die Polizei habe daraufhin vorübergehend die Zufuhr von Lebensmitteln und Trinkwasser zum Veranstaltungsort blockiert und die Wasserversorgung in den nahegelegenen Toiletten unterbrochen. Einige Stunden später wurde die Stromversorgung wiederhergestellt, die Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser wieder aufgenommen und die Beschränkungen für den Zugang zum und den Verlassen des Protestgeländes gelockert. Dennoch dauerte das Sit-in unter strenger polizeilicher Überwachung an, als es in seine dritte Woche ging.
Die Einschüchterungsversuche der Polizei reichen über das Protestgelände selbst hinaus und weiteten sich auf jene aus, die den blockierenden Demonstrant*innen mit Essen und Wasser halfen.
Trotz der zunehmenden Einschränkungen suchte die CJP weiterhin den Dialog mit der Regierung, erhielt jedoch keine Antwort: „Die Regierung ist gegenüber den Forderungen der Jugend völlig taub, stumm und blind geworden“, sagte CJP-Sprecher Sourav Das.
Am 28. Juni kündigte der Bildungsreformer, Klimaaktivist und Ramon-Magsaysay-
Preisträger Sonam Wangchuk, der sich seit dem 6. Juni am Jantar Mantar aufhielt, einen unbefristeten Hungerstreik an – eine Form des gewaltfreien Protests mit langer Tradition in Indien. „Ein Hungerstreik ist nicht der erste, sondern der letzte demokratische Ausdruck einer Bewegung“, sagte Dipke über die strategische Entscheidung, zu Hungerstreiks überzugehen. „Der Zweck dieses Streiks ist es nicht, jemanden zu konfrontieren, sondern die Aufmerksamkeit der Regierung und der Gesellschaft ernsthaft auf dieses Thema zu lenken.“
Die intensive Überwachung am Jantar Mantar in Verbindung mit wiederholten Versuchen, den Sitzstreik zu beenden, bestärkte die Studierenden in ihrer Überzeugung, dass die Regierung nicht bereit sei, direkt auf ihre Forderungen einzugehen. „Unser Protest ist vollkommen gewaltfrei und steht im Einklang mit unserer Verfassung“, sagte Dipke. „Premierminister Narendra Modi muss entscheiden, ob [zehn Millionen] Studierende oder ein inkompetenter Minister wichtiger sind.“
Der Rücktritt und ein paar Zugeständnisse der Regierung
Am 24. Juli beendete der Klimaaktivist Sonan Wangchuk sein 26-tägiges Fasten, nachdem ihm schriftliche Zusicherungen zur Rechenschaftspflicht bei Prüfungen gegeben worden waren.
Seine Entscheidung löste jedoch nicht die zentrale politische Forderung ein, die die breitere Bewegung antrieb: Pradhans Rücktritt. Die von Jugendlichen angeführte CJP setzte unterdessen ihre Proteste fort und lehnte die Kompromissversuche der Regierung ab.
Am nächsten Tag trat Pradhan zurück und erklärte, er habe großen Respekt vor den Bestrebungen der Jugend des Landes.
Stunden später saßen Sprecher*innen der CJP bei einer gemeinsamen Pressekonferenz neben zwei Ministern. „Alle unsere Forderungen wurden akzeptiert“, sagte Ranka und forderte alle auf, nach Hause zu gehen. Die Partei veröffentlichte die Worte: „Die Kakerlaken haben gewonnen. Die Demokratie hat gewonnen.“
Pratap Bhanu Mehta, ein Politikwissenschaftler und einer der meistgelesenen Kolumnisten Indiens, schrieb im „Indian Express“, dass der Rücktritt allein wenig ändere, dass aber eine von ihren Ältesten im Stich gelassene Generation eine von ihrer eigenen Macht berauschte Regierung klein aussehen ließ und gezeigt habe, dass sie sich bewegen lasse.
Der Staat hatte nach den Anführer*innen der Bewegung gesucht und war gescheitert. Die Bewegung, die keinen Führungsstruktur hatte, hatte einen Minister zu Fall gebracht.
Der Minister ist weg - und nun?
Noch vor dem Rücktritt eines Ministers forderte die CJP ein Gesetz und veröffentlichten bald eine Fünf-Punkte-Charta zur Neugestaltung der Durchführung öffentlicher Prüfungen in Indien. Sie forderte u.a. einen unabhängigen Ombudsmann, eine gerichtliche Untersuchung, die nach jeder Indiskretion automatisch unter der Leitung pensionierter Richter*innen eingeleitet wird, die Umwandlung von Rückerstattungen und Entschädigungen von Gefälligkeiten in gesetzliche Ansprüche sowie einen ständigen parlamentarischen Ausschuss, der auch nach dem Abzug der Kameras weiterhin die Aufsicht wahrnimmt.
Später fügten sie zwei weitere Forderungen hinzu: Verfolgt uns nicht strafrechtlich und entschuldigt euch dafür, dass ihr uns geschlagen habt.
Was sie nach dem 25. Juli erhielten, war der Minister-Rücktritt und wenig Weiteres.
In Bezug auf Strafverfahren erreichten die Demonstrant*innen die Zusage, dass in den von der BJP regierten Bundesstaaten niemand strafrechtlich verfolgt werde – und da die indische Polizei den Landesregierungen untersteht, galt dies somit nur für einen Teil des Landes. In anderen Teilen wurden Menschen verhaftet und sogar auf sie geschossen.
Was die Entschuldigung angeht, erhielt die Bewegung überhaupt nichts.
Gegenaktion: Die CJP kündigt an, nun Sicherheitskräfte anhand von Protestaufnahmen zu identifizieren und vor Gericht zu bringen: Ein 36-Sekunden-Clip auf dem Handy eines Demonstranten identifizierte einen hochrangigen Beamten anhand seiner eigenen Dienstmarke, als dieser eine am Straßenrand stehende Frau schlug. Die Polizei räumte ein, dass er die Beherrschung verloren hatte, und entzog ihm den Einsatz bei den Protesten; er wurde jedoch nicht suspendiert, und es wurde kein Verfahren eingeleitet.
Und die Charta? Am 26. Juli kündigte Premierminister Narendra Modi eine Arbeitsgruppe an, die das Prüfungssystem zuverlässig und transparent machen soll.
Dabei gab es bereits 2024 einen ähnlichen Ausschuss, die viele Vorschläge gemacht hat, die allesamt nicht umgesetzt worden sind.
Die Kakerlaken verlangten also ein Gesetz und bekamen einen Ausschuss – einen zweiten Ausschuss, der eingerichtet wurde, um zu prüfen, was die 101 Empfehlungen des ersten Ausschusses eigentlich hätten beheben sollen. Ein Minister ist nur ein Kopf, ein Gesetz wäre eine Struktur gewesen, und eine Task Force ist meist nur eine Art, sich darauf zu einigen, dass später einmal etwas geschehen soll.
Wenn die Straße der einzige Ort ist, an dem man sich noch beschweren kann
Indiens „Kakerlaken“ sind die neuesten Aktivist*innen einer weltweiten Welle, die bereits seit mehr als zwei Jahren anhält – online organisierte Jugendbewegungen, oft unter der Flagge mit Totenkopf und Strohhut aus dem Manga „One Piece“, die auch die Regierungen von Nepal und Peru bis hin zu Marokko, Madagaskar und Kenia erschüttert haben, seit die Studierenden in Bangladesch im Jahr 2024 Sheikh Hasina zu Fall gebracht haben.
Ihre Erfahrungen sollten eher als Warnung denn als Vorbild verstanden werden. Die Bewegung in Nepal verhalf dem Rapper und Bürgermeister von Kathmandu, Balendra Shah, im März zum Amt des Premierministers, doch dreieinhalb Monate später hatte er keine sichtbaren Fortschritte bei der Bekämpfung der Ungleichheit und Arbeitslosigkeit erzielt, die ihn dorthin gebracht hatten. Am 9. Juli zündete sich ein 25-jähriger Dalit in Nepal, der ein Motorradtaxi betrieb, wegen eines Parkbußgelds von sechs Dollar an und löste damit neue Proteste aus.
In Madagaskar floh der Präsident, und die Armee setzte einen Oberst ein.
Was verschiedene Forschende feststellen, ist eine Falle, in der sich die CJP nun befindet: Online aufgebaute Bewegungen können bemerkenswert effektiv sein, um politischen Wandel zu erzwingen, haben jedoch oft Schwierigkeiten, diese Dynamik in demokratische Regierungen zu bringen, die rechenschaftspflichtig bleiben und auf die Menschen eingehen, die sie an die Macht gebracht haben. Das tiefer liegende Problem ist jedoch nicht, wie die Bewegung aufgebaut wurde, sondern worum es bei ihr ging. Der Politikwissenschaftler Mehta ist der Ansicht, dass Indien keine institutionellen Möglichkeiten mehr hat, eine Beschwerde einzureichen oder jemanden dazu zu bringen, darauf zu antworten. „Die Straße ist unser einziger Kanal“, schrieb er.
Die Vor- und Nachteile der Führungslosigkeit der Bewegung
Deshalb waren die „Kakerlaken“ so organisiert, wie sie es waren. Die Führungslosigkeit war eine bewusste Entscheidung, kein Zufall – eine Entscheidung, die viele Bewegungen getroffen haben, seit die Ausschüsse, Aufsichtsbehörden und Gerichte nicht mehr als Instanzen fungierten, bei denen man Beschwerde einlegen konnte. Das sorgt für Schnelligkeit und macht es schwer, eine Bewegung zu enthaupten. Außerdem gibt es so niemanden, der befugt ist, irgendetwas zu unterzeichnen.
Genau das ist auch der Grund, warum die Charta nirgendwohin gelangen kann. Niemand ist verpflichtet, sie zu lesen, und in Jantar Mantar ist niemand mehr da, der fragen könnte, warum das niemand getan hat. Jene Eigenschaft, die diese Bewegung unaufhaltsam machte – kein Anführer, den man verhaften könnte, kein Büro, keine Liste –, ist dieselbe Eigenschaft, die es unmöglich macht, die Regierung an ein Versprechen zu binden, was so viel bedeutet wie: Die taktische Stärke war zugleich eine strategische Schwäche.
An Anführer*innen mangelte es den „Kakerlaken“ nie – Dipke hatte eine Bühne, und die Regierung fand innerhalb einer Stunde zwei führende Personen, die sie vorladen konnte. Was sie jedoch nie aufgebaut haben, war etwas, das die Menschen, die das Mikrofon in der Hand hielten, überdauern würde. Anführer*innen können an einem Montagnachmittag festgenommen werden, und genau das geschah mit Dipke. Die Zugeständnisse kamen schnell, weil die Menschenmenge groß war.
Aber im Dezember wird die Menschenmenge wahrscheinlich nicht mehr groß sein.
Über die Autor*innen
Aparajita Ghosh, Autorin des ersten Teils des Textes ist eine Journalistin, die in Kanada lebt. Sie schreibt über Umwelt und Gerechtigkeit, indigene Rechte, Klimafragen und soziale Bewegungen.
Gaurav Kumar, Autor des Updates, ist ein unabhängiger Journalist aus Neu Delhi. Kumar wurde von Shruthi Manjula Mohan unterstützt.
Dies ist die gekürzte, zusammenfassende Version zweier in Waging Nonviolence am 6. und am 30. Juli 2026 veröffentlichten Artikel (https://wagingnonviolence.org/2026/07/india-gen-z-cockroach-movement/ und https://wagingnonviolence.org/2026/07/what-indias-cockroach-party-won-whats-next/).