Von David R. (End Cement)
„Beton! Beton! Beton!“ und „Siamo tutti capitalisti!“ tönte es am Samstag, den 18. April 2026, durch die Heidelberger Innenstadt. In grauen Anzügen und Flyer verteilend skandierten hunderte am Nachmittag für eine deregulierte Zementindustrie ohne Rücksicht auf Hürden wie Menschenrechte oder Umweltschutz. Aufgerufen hatte der Zementkonzern Heidelberg Materials, größter CO2-Emittent Deutschlands und selbsternannter Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit.
Zumindest behauptete dies eine Meldung des End Cement-Bündnisses, welches zwei Tage vorher ein Zementwerk des Konzerns blockiert hatte. In der Meldung rief das Bündnis dazu auf, sich unter die demonstrierenden „Zement-Fanatiker*innen“ zu mischen und die Demo zu unterwandern. Auf den ersten Blick mag es manchen unklar gewesen sein, wer da nun tatsächlich demonstrierte, doch spätestens, als Schmiergeld in Form von „Kultur-Sponsoring“ an Passant*innen verteilt wurde oder Beton-Köpfe über die Straße tanzten wurde klar, dass das End Cement-Bündnis eine ironische Aktion durchführt, die satirisch in die Rolle der Gegenseite schlüpft.
Die Demo „Grau statt Grün“ ist nicht die erste Aktion der End-Cement-Kampagne, bei der Ironie und ein Spielen der „Gegenseite“ eingesetzt werden. Statt die alteingelernten Skripte und Reden ständig zu wiederholen, spielten Aktivisti CEOs, Aktionär*innen oder Vorstandsmitglieder, feierten Umweltzerstörung und riefen fröhlich „Nicht auf das Gesetz vertrauen, Gegenmacht von oben bauen!“. Wie bindet sich diese Aktionsform in die Strategie von End Cement ein?
Die End-Cement-Kampagne
Seit 2020 bündelt sich Kritik an den umwelt- und menschenrechtszersetzenden Praktiken der Zementindustrie und dem größten deutschen Zementhersteller Heidelberg Materials (HDM, früher Heidelberg Zement) im End-Cement-Bündnis in Heidelberg. Seit 2024 hat sich aus diesem Bündnis eine gezielte Druckkampagne entwickelt, welche durch Graswurzel-Lobbying, öffentliche Aufklärung und direkte Aktionen dem Greenwashing des Konzerns entgegentritt und einen positiven Impuls zu einer ökologischen und sozialen Bauwende setzen will. Bereits letztes Jahr berichtete Ulrich Wohland ausführlich über Aufbau und strategische Verortung der Kampagne: Zum Artikel
Hier darum nur in aller Kürze die wichtigsten Eckpunkte:
End Cement fordert einen unabhängigen Menschenrechtsbericht und die Einrichtung eines Entschädigungsfonds für Betroffene von Heidelberg Materials zerstörerischer Praxis weltweit, sowie das Ende des Greenwashings durch Kultursponsoring in Heidelberg [z.B. die klassischen Konzerte des „Heidelberger Frühlings“, d. Red.].
Zusätzlich fordert die Kampagne einen basisdemokratischen „Bürger*innenrat“ in Heidelberg, um erste Schritte zu einer Bauwende einzuleiten. Gerade die Forderungen an Heidelberg Materials können nur durch Druckaufbau greifbar werden, wofür die Kampagne auf subversive, direkte Aktionen zivilen Ungehorsams und aktive Öffentlichkeitsarbeit setzt. Salopp gesagt: Nur wer stört und die Abläufe eines Konzerns sowie dessen Selbstdarstellung angreift, zwingt Unternehmen an den Verhandlungstisch. Und genau da möchte die Kampagne hin: Um ihre Forderungen durchzusetzen, Veränderung greifbar und erreichbar zu machen, und so weiter Gegenmacht aufzubauen. Doch wie lässt sich der notwendige Druck erzeugen? Genau hier setzt die Frage nach geeigneten Aktionsformen an.
Druck aufbauen - womit?
Druck auf Politik, Unternehmen oder Institutionen kann über verschiedene Wege aufgebaut werden. Konkret können natürlich Störungen von Produktionsprozessen ganz unmittelbaren wirtschaftlichen Druck auslösen. Ein Mittel, das vor allem für Gewerkschaften und Streikbewegungen zentral ist.
Zivilgesellschaftliche Gruppen haben es hier schwieriger: Eine Werks- oder Straßenblockade kann zwar schnell organisiert und durchgeführt werden, ist aber in der Regel auch schnell durch die Staatsgewalt geräumt. Ein wirtschaftlicher Schaden, der Unternehmen an den Verhandlungstisch zwingt, ist damit kaum zu erreichen. Die Zementwerksblockade 2021 in Leimen etwa konnte mit ihrer mehrstündigen Störung des Betriebs einen mittleren vierstelligen Betrag Einbußen auf Seiten von HDM erzeugen, das entspricht etwa 0,001 % des Jahresgewinns 2021 bzw. 0,0001 % des Umsatzes. Verglichen mit einem deutschen durchschnittlichen Jahresgehalt von etwa 60.000 € wäre das ein Verlust von 6 Cent.
Der Druck muss also an anderer Stelle entstehen. Im Fall von Heidelberg Materials und der Zementindustrie ist ein Druck über öffentlichen Diskurs nötig: Die Narrative der Zementindustrie müssen durchbrochen werden. Noch stellt sie sich als alternativlos und nachhaltig dar. Doch wie bei der Kohle- oder Erdöl-Industrie muss erstmal klar werden: Diese Industrie ist in ihrer jetzigen Form nicht mit einer lebenswerten Zukunft vereinbar. Ist dieser gesellschaftliche Diskurs erstmal eröffnet, kann auch politischer Druck entstehen.
Um diesen Diskurs zu schaffen, braucht es Gegenstimmen, die laut genug sind, um die Erzählungen der Zementindustrie anzugreifen, sprich: die Aufmerksamkeit schaffen. Symbolische Blockaden und ziviler Ungehorsam dienen also auch dazu, Aufmerksamkeit, Diskurs und eine öffentliche Auseinandersetzung zu generieren und Stellungsnahmen von Politik und Wirtschaft zu erzwingen. Sich dies im Hinterkopf zu behalten, ist wichtig, um nicht in einen blinden Aktionismus zu verfallen oder zu denken, ein radikales Aktionsbild oder jegliche Störung von Betriebsabläufen wären schon ein Zweck für sich. Ziviler Widerstand in Form von bewusster Übertretung von juristischen Grenzen ist ein historisch bewährtes Mittel, aber eben nicht das Einzige. Aufmerksamkeit und Diskurs kann auch sehr gut über andere Mittel erreicht werden, wie etwa Humor und Satire [Siehe dazu Majken Jul Sørensen, Humorous Political Stunts – Nonviolent Public Challenges to Power, Diss. University of Wollongong, Australia 2014, d. Red.].
Subversive Aktion
Ein Werkzeug, welches immer wieder gut funktioniert, um in unserer Aufmerksamkeitsökonomie herauszustechen, ist die Überraschung, das Neue. Straßenblockaden haben wir in den letzten Jahren massenweise gesehen, Demos für den Kapitalismus und gegen Menschenrechte selten. Mit einer satirischen Überspitzung kann außerdem eindrucksvoll und kreativ gezeigt werden, was eigentlich kritisiert wird. Anstatt in einer langwierigen Rede das Kultursponsoring durch Konzerne wie Heidelberg Materials kritisch einzuordnen, kann direkt Schmiergeld an Passant*innen verteilt werden mit dem Hinweis, dann aber bitte auch ein Auge zuzudrücken, wenn es um das Völkerrecht geht. Wenn wir subversive Aktionen als das Brechen mit dem Erwarteten verstehen, sind viele bunte Aktionsformen denkbar.
2025 etwa veranstaltete das End-Cement-Bündnis bereits eine spontane Party mitten in der Zentrale des Konzerns. Anstatt, wie es vielleicht erwartbar gewesen wäre, den Ablauf des dort stattfindenden Konzerts zu stören, feierten Aktivisti vor Beginn des Konzerts mit Tröten und Konfetti, dass Heidelberg Materials in diesem Jahr erstmals das deutsche Unternehmen mit dem höchsten CO2-Ausstoß wurde. Merkwürdigerweise wollten die Funktionäre des Unternehmens nicht mitfeiern oder in die Lieder einstimmen. Ist der höchste CO2-Ausstoß aller deutschen Unternehmen etwa doch kein Grund, zu feiern?
Die „Grau statt Grün“-Demo im Folgejahr spielt mit derselben Idee. Wir schlüpfen in die Rolle der Gegenseite, feiern deren Siege und überspitzen deren Position. Bei einem anderen Konzert Anfang dieses Jahres durften Besucher*innen am Eingang der Halle ihre persönlichen Wertgegenstände in Zement gießen lassen, schließlich schluckt die Zementproduktion Unmengen an Ressourcen. Dass die netten jungen Menschen dort nicht wirklich von HDM waren, wird dann im anschließenden Gespräch über die Zementproduktion klar geworden sein. Die Ironie macht Spaß, lässt Beistehende neugierig werden, gibt der Presse neue Bilder und überlässt die Frage, was in unserer Wirtschaftsweise eigentlich schief läuft, der Öffentlichkeit.
Die Möglichkeiten für subversive Aktionen sind vielfältig: Satire, Straßentheater oder kreative Angebote. Am Ende stören auch diese Aktionen, wenn sie Risse im Narrativ der Gegenseite aufmachen. Warum nicht mal den eigenen Müll zum Hauptquartier bringen, wo Heidelberg Materials doch so gerne Müll verbrennt? Warum nicht mal eine Kampagne im Namen von HDM starten, die Neckarwiese zuzubetonieren? Es wird sich zeigen, was die nächsten Aktionen des End-Cement-Bündnisses sein werden. Subversiv und kreativ werden sie auf jeden Fall bleiben. Und ungehorsam natürlich auch.
Weitere Infos, etwa zum Camp im April 2026: https://end-cement.earth/aktionen/camp-2026/
Zum Autor
David R. ist Aktivist bei EndCement in Heidelberg.