Von Eglal Hamid Abdulgadir
Im Sudan begann diese Erkenntnis nicht mit einer politischen Erklärung. An vielen Orten begann sie mit Lebensmitteln.
Khalid, ein junger Mann, der während der Revolution in den Widerstandskomitees des Sudans mitgewirkt hatte, gehörte zu denen, die in ihrer Stadt blieben, nachdem viele Einwohner*innen geflohen waren. Einige Personen, die die Stadt verlassen hatten, kannten ihn bereits und die jungen Menschen, die geblieben waren. Sie hatten schon vor dem Krieg gemeinsam Dinge organisiert. Durch die jahrelange Zusammenarbeit war ein Vertrauensverhältnis entstanden, das entscheidend werden sollte, sobald die Institutionen um sie herum verschwanden. Die Vertriebenen schlugen vor, eine „Takiyya“, eine sudanesische Gemeinschaftsküche, in der Freiwillige kostenlose Mahlzeiten zubereiten und verteilen, zu gründen, um die Zurückgebliebenen zu versorgen.
Die ersten Spenden kamen über WhatsApp-Gruppen herein. Sudanes*innen, die außerhalb der Stadt lebten, überwiesen Geld über Bankak (einen Mobile-Banking-Dienst, der es Nutzer*innen ermöglicht, Geld zu überweisen und Zahlungen elektronisch zu tätigen). Khalid kaufte Säcke mit Saubohnen, Öl und Holzkohle. Er ging in Moscheen, um Freiwillige zu rekrutieren, während andere Facebook und WhatsApp nutzten, um junge Menschen zur Mitarbeit einzuladen. Sie kochten und verteilten jeden Tag Essen. Dann weitete sich die Arbeit aus.
Einige Familien konnten ihre Häuser nicht sicher verlassen. Frauen und Mädchen waren auf den Straßen besonderen Gefahren ausgesetzt, während ältere Menschen oft nicht zu Fuß zur Gemeinschaftsküche gelangen konnten. Khalid und andere Freiwillige begannen, ihre Wünsche zu sammeln, das Nötige einzukaufen und es zu ihnen nach Hause zu liefern. Verwandte im Ausland überwiesen Geld auf die Konten der Freiwilligen. Diese hoben es als Bargeld ab und übergaben es den Familien.
Keine Institution hatte Khalid mit irgendetwas davon beauftragt. Es gab kein formelles Organigramm, keine Verträge zur Festlegung von Zuständigkeiten, keine Gehälter und keine rechtliche Vereinbarung, die das Netzwerk regelte. Das bedeutete jedoch nicht, dass es keine Organisation gab. Die Menschen wussten, wer was leisten konnte. Die Aufgaben wurden entsprechend der beruflichen Fähigkeiten, der geografischen Nähe, der Verfügbarkeit und der Dringlichkeit verteilt. Ältere Freiwillige genossen besondere Autorität, da sie über langjährige Erfahrung verfügten; jüngere Freiwillige lernten von ihnen. Die Organisation war informell. Aber sie war nicht unorganisiert.
Notfallzentren (lokal organisierte zivile Netzwerke, die die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern koordinieren) und andere zivile Netzwerke im Sudan werden oft in humanitärer Sprache beschrieben: Gemeinschaften versorgen Gemeinschaften, transportieren Medikamente, evakuieren Verwundete und füllen Lücken, die durch den Zusammenbruch öffentlicher Dienste und die Schwierigkeiten internationaler Organisationen, die Menschen zu erreichen, entstanden sind.
Diese Beschreibung ist zutreffend, gibt aber nicht das ganze Bild wieder. Die entscheidendere Frage lautet: Was haben die Menschen dabei gelernt?
Sie haben gelernt, wie man Ressourcen mobilisiert, ohne dass eine Institution dahintersteht. Wie man entscheidet, welche Bedürfnisse am dringendsten sind. Wie man Menschen den richtigen Aufgaben zuordnet. Wie man die Durchreise durch Gebiete aushandelt, die von verschiedenen bewaffneten Akteuren kontrolliert werden. Wie man Meinungsverschiedenheiten bewältigt, ohne dass sie das Netzwerk zerstören. Wie man Geld und Informationen über Frontlinien hinweg transportiert. Und wie man Wissen an andere weitergibt, bevor die Person, die es besaß, getötet, verhaftet oder zur Flucht gezwungen wurde. Das Überleben wurde zu einer Schule der Organisation. Doch diese Schule begann nicht bei Null.
Vor dem Krieg
Im Sudan gab es bereits Traditionen des kollektiven Handelns, darunter „Nafeer“ (eine sudanesische Tradition der kollektiven Freiwilligenarbeit, bei der sich Menschen gemeinsam für ein gemeinsames Anliegen mobilisieren). Die während der Revolution entstandenen Widerstandskomitees (dezentrale, nachbarschaftsbasierte zivile Gruppen, die zu einer wichtigen Kraft in der sudanesischen Revolution von 2018–19 wurden) entwickelten ebenfalls Formen der Organisation auf Nachbarschaftsebene, die auf Vertrauen, horizontaler Koordination und kollektivem Handeln beruhten.
Nach der Revolution entwickelten sich Teile dieser Infrastruktur zu „Ausschüssen für Wandel und Dienstleistungen”, d.h. lokale Gemeinschaftsorgane, die grundlegende Dienstleistungen und Nachbarschaftsangelegenheiten organisierten, die in verschiedenen Gebieten Aspekte des Alltagslebens organisierten, von Bäckereien und Kochgas bis hin zu anderen lokalen Dienstleistungen. Es handelte sich um organisierte Gremien. An manchen Orten verfügten sie über festgelegte Zuständigkeiten, Dokumente und offizielle Stempel. Ihre Mitglieder sammelten praktisches Wissen über die Verwaltung der Angelegenheiten ihrer Gemeinschaften.
Im Krieg
Als der Krieg begann, mussten die Zivilist*innen also nicht bei Null anfangen. Es gab bereits eine Infrastruktur, innerhalb derer gelernt wurde, politisches Vertrauen in alltägliche Verwaltung umzusetzen. Die Erfahrungen im Bundesstaat Gezira offenbaren etwas noch Auffälligeres.
Als die Rapid Support Forces (RSF) – eine mächtige paramilitärische Truppe, der laut Feststellung der UNO und der USA Völkermord vorgeworfen wird – am 18. Dezember 2023 die Kontrolle über Gezira übernahmen, verschwand die lokale Verwaltung aus den von ihnen kontrollierten Gebieten praktisch vollständig. Weniger als einen Monat später, am 16. Januar 2024, erließ der Gouverneur von Gezira den Beschluss Nr. 1 von 2024, mit dem alle Ausschüsse für Wandel und Dienstleistungen in Dörfern, Stadtvierteln, ländlichen Siedlungen, Märkten und Industriegebieten aufgelöst wurden. Der Beschluss ging über die bloße Auflösung hinaus. Er wies die lokalen Exekutivbeamt*innen an, das Anlage- und Umlaufvermögen, die Dokumente, das Eigentum und die Dienstsiegel der Ausschüsse zu inventarisieren und in Besitz zu nehmen sowie deren Bankkonten einzufrieren, bis neue Übergangsausschüsse gebildet werden könnten.
Dieses Detail war aufschlussreich: Selbst die Stempel waren Teil der Autorität, die der Staat zurückgewinnen wollte. Doch die Ausschüsse, deren Auflösung der Gouverneur angeordnet hatte, waren nach wie vor vor Ort präsent, während die Behörde, die den Befehl erteilt hatte, abwesend war. Die Antwort der Ausschüsse bestand im Wesentlichen aus einer einfachen Frage: Wenn ihr uns aufgelöst habt, dann kommt in den Staat, den ihr verlassen habt, und nehmt uns die Stempel ab.
Sechs Tage später, am 22. Januar, gab das Kommando der 5. Infanteriedivision der Rapid Support Forces eine eigene Erklärung ab, in der es „sein Vertrauen“ in die Ausschüsse für Wandel und Dienstleistungen bekräftige und diese anwies, ihre Aufgaben gegenüber den Bürger*innen in allen Gemeinden, Stadtvierteln und Dörfern des Bundesstaates weiterhin wahrzunehmen.
Der Widerspruch hätte kaum deutlicher sein können.
Der Staat, der in dem Gebiet nicht präsent war, befahl den dort tätigen zivilen Gremien, sich aufzulösen. Die Streitkräfte, die das Gebiet kontrollierten, sahen sich mit einer bestehenden zivilen Infrastruktur konfrontiert, die Aufgaben wahrnahm, die durch militärische Kontrolle allein nicht erfüllt werden konnten. Eine Streitmacht kann innerhalb weniger Stunden in eine Stadt einmarschieren und die Kontrolle darüber erklären. Sie weiß jedoch nicht automatisch, wer Medikamente benötigt, wer den Schlüssel zur Bäckerei hat, wer eine Wasserstation betreiben kann, welche Familien Hilfe benötigen oder wer sich sicher zwischen den Stadtvierteln bewegen kann. Hier wird deutlich, dass die militärische Kontrolle eines Gebiets nicht gleichbedeutend ist mit dem Wissen, das erforderlich ist, um das Leben darin zu regeln.
Die Ausschüsse für Wandel und Dienstleistungen waren nicht nur eine humanitäre Reaktion, die mit Beginn des Krieges entstand. Schon vor dem Krieg hatten sie Erfahrungen bei der Organisation alltäglicher Versorgungsleistungen gesammelt. Was während des Krieges wie das plötzliche Entstehen ziviler Netzwerke aussah, war an vielen Orten ein Wechsel von einer Funktion zur anderen: von der Organisation von Brot, Gas und lokalen Dienstleistungen während der Revolutionsphase hin zur Organisation von Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten und Evakuierungen während des Kriegs.
Die Infrastruktur verschwand nicht, als der Staat wegfiel. Der Auftrag änderte sich. Die Erfahrungen einer Gruppe von Wasserbauingenieuren unter der Leitung eines Mannes namens Bakri veranschaulichen diesen Unterschied. Zu Beginn des Krieges versuchte die Gruppe, die bestehenden Wasserstationen am Laufen zu halten. Doch als die Kämpfe andauerten, waren Treibstoff und Ersatzteile immer schwerer zu beschaffen, während die unsichere Lage die Instandhaltung der zentralisierten Infrastruktur zunehmend erschwerte. Also improvisierten sie. Sie organisierten Möglichkeiten, Wasser direkt aus dem Nil zu holen, manchmal mit Eselskarren, die große Fässer transportierten. Sie lokalisierten Brunnen, die seit Jahren aufgegeben waren, und sorgten für deren Wiederinbetriebnahme. Wenn manche Familien nicht selbst Wasser holen konnten, lieferten Freiwillige es ihnen.
Lehrer*innen taten etwas Ähnliches. Eine von Saif geleitete Gruppe begann, Schulen mit begrenzter Kapazität zu betreiben, nachdem sich der Krieg hinzog und das Verhalten der Kinder zunehmend aggressiver und verzweifelter wurde. Sie versuchten nicht, ein normales Schuljahr wiederherzustellen oder den Übergang von einer Klasse in die nächste zu garantieren. Sie schufen kinderfreundliche Räume, in denen Kinder lernen, spielen und wieder ein gewisses Gefühl von Routine entwickeln konnten, während sie gleichzeitig die pädagogischen und psychologischen Schäden des langwierigen Krieges abmilderten.
Das gleiche Muster zeigte sich in den Bereichen Medizin, Evakuierung und Information. Freiwillige, die nie eine formelle Ausbildung im Katastrophenschutz erhalten hatten, lernten, wie man auf Luftangriffe und Artilleriefeuer reagiert, wie man Frauen und Kinder schützt, wie man sichere Evakuierungen organisiert und wie man Patienten transportiert, deren erforderliche Behandlung in Konfliktgebieten nicht verfügbar war.
Einige wurden den bewaffneten Gruppen bekannt, da ihre Arbeit wiederholte Verhandlungen mit ihnen erforderte. Manchmal half ihnen diese Vertrautheit dabei, Kontrollpunkte zu passieren oder Patient*innen mit einem geringerem Risiko zu transportieren.
Wenn Neutralität verdächtig macht
Doch dieses Wissen barg eine weitere Gefahr. Je besser es den zivilen Netzwerken gelang, das Leben am Laufen zu halten, desto schwieriger wurde es für die bewaffneten Akteure, sie als unpolitisch anzusehen.
In einer Stadt m Bundesstaat Gezira stand eine Gruppe junger Frauen, die im medizinischen Bereich tätig waren, genau vor diesem Dilemma, nachdem die RSF die Kontrolle übernommen hatte und das Krankenhaus geschlossen worden war. Es gelang ihnen, das Krankenhaus zu betreten und Laborgeräte, Medikamente und andere wichtige Hilfsgüter herauszubringen. Anschließend begannen sie, Patient*innen heimlich zu behandeln. Sie fürchteten, gezwungen zu werden, RSF-Kämpfer zu behandeln. Aber sie fürchteten auch, was passieren würde, wenn die sudanesische Armee [gegen die die RSF kämpfte, d. Red.] zurückkehrte und diese Behandlung als Beweis für eine Kollaboration mit der RSF auslegte. Sie arbeiteten monatelang im Verborgenen weiter. Schließlich wurden sie entdeckt und verhaftet. Sie wurden freigelassen, nachdem klar wurde, dass sie keine politische oder militärische Bedrohung darstellten. Ihre Erfahrung offenbart einen zentralen Widerspruch des zivilen Lebens im Krieg: Man kann sich entscheiden, allen zu dienen. Man kann nicht vorher wissen, wie eine bewaffnete Gruppe darauf reagieren wird.
Eine Chirurgin, die ich in Gezira interviewt habe, erlebte denselben Widerspruch in einer noch brutaleren Form. Sie versuchte, die medizinische Versorgung für die Zivilbevölkerung aufrechtzuerhalten. Sie behandelte jede*n, auch verwundete RSF-Kämpfer. Sie schilderte mir, dass RSF-Milizen sie im Krankenhaus angriffen, nachdem einer der Kämpfer, den sie operiert hatte, gestorben war. Ihre 13-jährige Tochter wurde daraufhin sexuell missbraucht. Sie erzählte mir das nicht einfach nur als persönliche Geschichte. Sie wollte mich warnen, ich solle das Land verlassen.
Ich war in dieser Zeit selbst in Gezira. Ich gehörte zu denen, die daran arbeiteten, den Krankenhausbetrieb und die zivilen Versorgungsdienste aufrechtzuerhalten. Ich habe gesehen, wie schnell humanitäre Arbeit als politisch motiviert angesehen werden kann.
Hier stößt die Sprache der humanitären Neutralität an ihre Grenzen. In einem Krieg, in dem jede Seite nicht nur die Kontrolle über Territorium anstrebt, sondern auch die Bedeutung jeder Handlung innerhalb dieses Territoriums definieren will, kann sogar Neutralität eine politische Bedeutung annehmen.
Das Problem reicht tiefer, als dass Zivilist*innen zwischen zwei Streitkräften gefangen sind. Der Krieg selbst kann dem Handeln der Zivilbevölkerung eine neue Bedeutung geben..
Ein Arzt behandelt einen Verwundeten, weil dieser krank ist. Ein Kämpfer sieht darin Hilfe für den Feind. Ein Netzwerk bringt eine Familie in Sicherheit, weil diese in Gefahr ist. Ein bewaffneter Akteur sieht darin verdächtige Bewegungen. Der Raum zwischen humanitärem und politischem Handeln wird so eng, dass eine Trennung beider fast unmöglich wird.
Wissen, das fortbesteht
Und doch wuchsen die Netzwerke weiter. Neue Freiwillige kamen hinzu. Spenden von Sudanes*innen im Ausland gingen ein. Internationale Organisationen leisteten in einigen Gebieten begrenzte Unterstützung. In Teilen von Gezira arbeiteten Freiwillige, die medizinische Einrichtungen betrieben, manchmal mit „Ärzt*innen ohne Grenzen“ zusammen. Doch die wichtigste Entwicklung war weniger sichtbar. Die Netzwerke begannen, Wissen weiterzugeben. Die ältere Generation wusste, dass sie möglicherweise nicht überleben würde. Freiwillige wurden getötet, verhaftet und vertrieben. Also begannen die Erfahrenen, jüngeren Menschen ihr Wissen zu vermitteln. Das war mehr als nur eine Schulung. Es war eine Beziehung, die von Respekt, Betreuung und Lehre geprägt war. Und der Grund dafür war praktisch und brutal: Wenn eine Person starb, sollte ihr Wissen nicht mit ihr sterben.
Dies veränderte den Charakter der Netzwerke. Ein Freiwilliger, der in einem Stadtteil Lebensmittel verteilt, praktiziert gegenseitige Hilfe.Aber ein Netzwerk, das diese Freiwilligen ersetzen, das für die Fortsetzung der Arbeit erforderliche Wissen weitergeben und das Verschwinden seiner ursprünglichen Organisatoren überstehen kann, zeigt etwas, das eher einer institutionellen Fähigkeit gleicht. Es ist keine Institution. Aber es ist eine Fähigkeit.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil wir Institutionen normalerweise an ihren sichtbaren Formen erkennen: Büros, Vorschriften, Budgets, Berufsbezeichnungen, Gehälter und Befehlsketten. Aber vielleicht beginnen Institutionen bereits, wenn Wissen übertragbar wird. Wenn Verantwortlichkeiten neu verteilt werden können. Wenn eine kollektive Praxis das Verschwinden der Person überstehen kann, die sie ins Leben gerufen hat. Wenn die Menschen wissen, was zu tun ist, ohne darauf zu warten, dass es ihnen jemand sagt.
Das ist auch der Grund, warum es schwierig ist, diese Netzwerke einfach als vorübergehende Ersatzstrukturen zu beschreiben, die ein Vakuum füllen, bis der Staat zurückkehrt. Das Vakuum selbst hat die Gesellschaft in seinem Inneren verändert.
Menschen, die in den Krieg hineingezogen wurden und wussten, wie man ein Stadtviertel organisiert, lernten, wie man Netzwerke verwaltet, die mit Vertreibung, Angst und militärischer Kontrolle umgehen mussten. Die Freiwillige, die zunächst Lebensmittel verteilte, lernte mit der Zeit, wie man mit Geld, Informationen, Risiken und Beziehungen zu bewaffneten Akteuren umgeht. Der Arzt, der die Türen eines Krankenhauses öffnete, musste nicht nur an die Medizin denken, sondern auch an Sicherheit, Neutralität und Evakuierung. Selbst Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Netzwerke wurden Teil des Lernprozesses: wie man unterschiedlicher Meinung sein kann, ohne das Netzwerk zu zerstören, und wie man die unmittelbare Sicherheit der Menschen über persönliche Konflikte stellt.
Der Krieg schuf keine Institutionen im herkömmlichen Sinne. Er formte Menschen, die wussten, wie man unter Druck eine Organisation aufbaut.
Fazit: Die Grenzen der Resilienz
Doch die Antwort darf nicht romantisch sein. Diese Netzwerke können den Staat nicht ersetzen. Sie können Lebensmittel und Medikamente verteilen, den Zugang zu Wasser wiederherstellen, medizinische Notfallversorgung organisieren und Bildungsräume schaffen. Sie können jedoch nicht auf unbestimmte Zeit ein nationales Stromnetz betreiben, komplexe pharmazeutische Lieferketten aufrechterhalten oder die öffentliche Sicherheit gewährleisten. Auch sind sie nicht alle gleich. In manchen Stadtvierteln gibt es Ärzte, Ingenieure und starke Netzwerke der Diaspora. Andere verfügen über weitaus weniger Ressourcen. Die finanziellen Mittel können zur Neige gehen. Freiwillige können ausbrennen. Internationale Unterstützung kann bürokratische Auflagen mit sich bringen, die den Charakter der informellen Arbeit verändern. Diese Netzwerke sind daher kein Beweis dafür, dass der Staat überflüssig ist. Sie sind ein Beweis dafür, dass staatliche Kapazitäten und gesellschaftliche Kapazitäten nicht dasselbe sind. Und diese Unterscheidung gewinnt noch mehr an Bedeutung, wenn sich die militärische Kontrolle ändert.
In Gebieten, die von der Armee zurückerobert wurden, flohen einige Freiwillige. Andere wurden verhaftet oder getötet, nachdem ihnen Zusammenarbeit mit der RSF vorgeworfen worden war. Manchmal war der Verdacht lediglich darauf zurückzuführen, dass sie ihre Dienste weiterhin erbracht hatten, während die RSF das Gebiet kontrollierte. Dieselbe Handlung, die einst ein Akt des Überlebens gewesen war, konnte eine völlig andere politische Bedeutung annehmen, sobald die Person am Kontrollpunkt wechselte.
Doch die Praktiken selbst verschwanden nicht unbedingt. Die Gemeinschaftsküchen (Takiyyas) wurden fortgesetzt, oft mithilfe anderer Akteure. Die Gesichter änderten sich, weil die Menschen, die die Netzwerke aufgebaut hatten, getötet, inhaftiert oder vertrieben worden waren. Aber die Praxis überlebte. Dies ist vielleicht die politisch aufschlussreichste Tatsache über die zivilen Netzwerke im Sudan während des Krieges.
Der Krieg schuf nicht einfach ein Vakuum an der Stelle, an der zuvor der Staat gestanden hatte. Er zwang die Menschen dazu, zu lernen, was innerhalb dieses Vakuums organisiert werden konnte.
Sie lernten von denen, denen sie vertrauten. Sie lernten, wie man knappe Ressourcen verteilt. Sie lernten, wie man mit bewaffneten Akteuren verhandelt, ohne selbst zu den Waffen zu greifen. Sie lernten, wie man kollektive Entscheidungen ohne formelle Autorität trifft. Sie lernten, wie man anderen Wissen weitergibt, bevor man selbst verschwindet. Und vielleicht lernten sie etwas, das wichtiger war als jede von ihnen erbrachte Dienstleistung: Die Fähigkeit, das kollektive Leben zu organisieren, geht nicht immer vom Zentrum aus.
Jahrzehntelang wurde der Staat als die grundlegende Infrastruktur betrachtet, die das öffentliche Leben ermöglichte. Der Krieg hat diese Annahme an jenen Orten zunichte gemacht, an denen der Staat nicht mehr in der Lage war, Nahrung, Wasser, Gesundheitsversorgung, Bildung oder Sicherheit zu gewährleisten.
Die Menschen handelten nicht, weil sie beschlossen hatten, ein alternatives politisches System aufzubauen. Sie handelten, weil jemand kochen musste. Wasser besorgen. Verwundete versorgen. Kinder von der Straße holen. Den Durchgang aushandeln.
Doch diese wiederholten Handlungen aus der Not heraus summierten sich zu etwas, das über die bloße Not hinausging. Sie führten zum Aufbau politischen Wissens. Genau deshalb kann der Wiederaufbau des Sudan nach dem Krieg nicht einfach darin bestehen, die Institutionen wiederherzustellen, die nicht mehr funktionierten.
Der Sudan wird funktionierende öffentliche Institutionen brauchen. Kein Netzwerk von Freiwilligen kann den Staat auf unbestimmte Zeit ersetzen, und dies von ihm zu verlangen, würde nur dazu führen, dass eine andere Form der Widerstandsfähigkeit zu einer anderen Form der Vernachlässigung wird. Aber den Staat wiederaufzubauen, ohne anzuerkennen, was die Gesellschaft in seiner Abwesenheit gelernt hat, wäre eine andere Form des Versagens.
Die Frage ist nicht, ob „Takiyyas“ zu Ministerien werden sollten oder ob Notfallzentren zu ständigen Regierungsbehörden werden sollten. Die Frage ist, ob die Menschen, die gelernt haben, das Leben ohne formelle Autorität zu organisieren, lediglich als Begünstigte des Wiederaufbaus behandelt werden – oder als Menschen, die etwas erworben haben, was der Nachkriegsstaat dringend benötigt.
Denn das wichtigste Vermächtnis dieser Netzwerke sind vielleicht nicht die Mahlzeiten, die sie ausgaben, die Brunnen, die sie wieder in Betrieb nahmen, oder die Patient*innen, die sie behandelten. Es könnte vielmehr das Wissen sein, das sich unter ihnen angesammelt hat: Dass Autorität auch ohne Amt ausgeübt werden kann. Dass Verantwortung auch ohne Bürokratie verteilt werden kann. Dass Vertrauen als Infrastruktur fungieren kann. Dass Institutionen verschwinden können, ohne dass die Handlungsfähigkeit der Gesellschaft mit ihnen verschwindet.
Die Menschen, die diese Netzwerke aufgebaut haben, versuchten nicht, ein neues politisches System zu entwerfen. Sie versuchten zu überleben.
Aber Kriege können politisches Wissen hervorbringen, ohne dass jemand dies beabsichtigt. Und vielleicht ist die zentrale Frage, vor der der Sudan nach dem Krieg steht, nicht einfach, ob der Staat an die Orte zurückkehren kann, von denen er verschwunden ist. Es geht vielmehr darum, ob er zurückkehren kann, ohne so zu tun, als sei die Gesellschaft, die auf ihn wartet, dieselbe Gesellschaft, die vor seinem Verschwinden existierte.
Vielleicht besteht die Aufgabe nach dem Krieg nicht darin, die Gesellschaft in den Zustand vor dem Krieg zurückzuführen, sondern den Staat auf der Grundlage des Wissens wiederaufzubauen, das die Gesellschaft erwerben musste, als der Staat nicht da war.
Über die Autorin
Eglal Hamid Abdulgadir ist eine unabhängige Forscherin und Journalistin, die sich in ihrer Arbeit mit politischer Autorität, Regierungsführung, Konflikten, Zwangsvertreibung und der politischen Ökonomie des Krieges befasst, wobei ihr Schwerpunkt auf dem Sudan und dem Horn von Afrika liegt. In ihren Texten untersucht sie, wie Konflikte Institutionen, zivile Handlungsfähigkeit und Staatlichkeit neu gestalten und wie Gemeinschaften sich inmitten politischer und sozialer Umbrüche organisieren und überleben. Ihre Arbeiten sind unter anderem in „The Republic“, „Inkstick“, „Africa in Fact“, „African Arguments“, „Democracy in Africa“ und anderen internationalen Publikationen erschienen.
Der Artikel erschien am 29. September 2026 in englischer Sprache hier:
https://wagingnonviolence.org/2026/09/sudan-mutual-aid-war-state-collapse/