Von Martin Singe
Atomkrieg über Europa?
Dieses Szenario übt die NATO erneut Mitte Oktober. Dann wird auch die Bundeswehr im Rahmen des NATO-Manövers „Steadfast Noon“ trainieren, die in Büchel lagernden Atombomben an Tornado-Kampfjets zu montieren und sie in den Einsatzzielen abzuwerfen. Das Manöver findet europaweit mit Beteiligung der USA, aller NATO-Staaten der „nuklearen Teilhabe“ und weiterer NATO-Staaten, die das Manöver unterstützen, statt.
Der Schwerpunkt des Manövers soll in diesem Jahr über Italien liegen, dort sind US-Atomwaffen in Aviano und Ghedi stationiert. Beim Manöver arbeiten die USA mit allen europäischen Staaten der nuklearen Teilhabe und weiteren Unterstützerstaaten zusammen. Zu den SNOWCAT-Unterstützer-Staaten (= Support of Nuclear Operations with Conventional Air Tactics) gehören Dänemark, Griechenland, Norwegen, Polen, Rumänien, die Tschechische Republik und Ungarn. (1)
"Atomkriegsmanöver"
Unter dem Motto „Atomkriegsmanöver stoppen“ rufen Friedensorganisationen und Einzelpersonen dazu auf, sich an Protestaktionen in Büchel und Nörvenich zu beteiligen.
In diesem Sommer wurden die Tornados, die wegen der Umbauarbeiten in Büchel nach Nörvenich ausgelagert waren, wieder nach Büchel zurückgebracht.
Die Protestaktionen wollen deshalb eine politische Klammer um die Orte, die in das Manöver involviert sind, bilden. Auch die dauerhaft in Nörvenich stationierten Eurofighter waren schon mehrfach an „Steadfast Noon“ beteiligt. Nörvenich hat auch wegen der deutsch-französischen Nuklearwaffen-Kooperation an Bedeutung gewonnen. In Büchel wird die Aktion am 10. Oktober um 12 Uhr in Form einer Aktionsmahnwache stattfinden, in Nörvenich ist ein Auftakt am Kriegsflugplatz des Boelcke-Geschwaders mit anschließender Demo zum Schlossplatz geplant. Dort findet dann eine Kundgebung statt. Kultur und Volxküche werden wieder mitgeboten. Vom Bahnhof Düren zum Auftakt wird wieder ein Shuttle fahren.
Im Aufruf heißt es u.a.:
„Das Atomkriegsmanöver dokumentiert in erschreckender Weise die Bereitschaft der NATO und der Bundesregierung, ‚im Ernstfall‘ einen Atomkrieg zu führen, der zumindest ganz Europa vernichten würde. Alle Atommächte rüsten gegenwärtig nuklear auf und ‚modernisieren‘ ihre Arsenale, 2025 für insgesamt ca. 119 Mrd. US-Dollar (USA: 69,2 Mrd.). In Büchel wird die neue B61-12-Atombombe stationiert, die endfluggesteuert noch treffgenauer eingesetzt werden kann. Dafür wurden für rund 10 Milliarden Euro 35 neue Tarnkappen-Atombomber vom Typ F-35 von den USA gekauft.“
Atomwaffen und Völkerrecht
Inhaltlich soll bei den Aktionen die Problematik „Atomwaffen und Völkerrecht“ thematisiert werden. Mit der „nuklearen Teilhabe“ verstoße die Bundesregierung gegen den Atomwaffensperrvertrag und das humanitäre Völkerrecht, so der Aufruf. Sogar das Bundesjustizministerium weise darauf hin, dass jede Verwendung von Atomwaffen gemäß Völkerstrafrecht ein Kriegsverbrechen bedeuten würde. Also trainiert die Bundeswehr mit dem Manöver die Begehung von Kriegsverbrechen! https://www.bmjv.de/DE/themen/voelkerstrafrecht/kriegsverbrechen/kriegsverbrechen_node.html
Das wollen die organisierenden Gruppen nicht hinnehmen. Zu diesen gehören u.a. das Aktionsbündnis „atomwaffenfrei.jetzt“, das Netzwerk Friedenskooperative, die Friedensgruppen Düren und Daun sowie die DFG-VK NRW und Köln. Inzwischen haben rund 30 Gruppen/Organisationen und über 60 Einzelpersonen den Aufruf unterstützt. Weitere Aufrufunterstützungen und Spenden für die Aktionen sind sehr willkommen!
Die Demonstrierenden werden sich für die folgenden Forderungen einsetzen:
- Absage der Beteiligung der Bundeswehr am Atomkriegsmanöver „Steadfast Noon“
- Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland und Beendigung der „nuklearen Teilhabe“
- Keine neuen europäischen Atomwaffen-Kooperationen
- Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag
- Eintreten für ernsthafte Verhandlungen über vollständige nukleare Abrüstung
Europäische Atomwaffen-Kooperation: Trägerflugzeug Rafale
Die Forderung, keine neuen europäischen Atomwaffen-Kooperationen zu beginnen, hat nach der Abfassung des Aufrufs noch an Aktualität gewonnen.
Denn in Nörvenich wurden im Juli 2026 die ersten konkreten Schritte einer nuklearen Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich vollzogen. Erstmals war ein französisches Atomwaffen-Trägerflugzeug vom Typ Rafale in Nörvenich gelandet. In Manövern sollen deutsche Soldaten an Rafales und französische Soldaten an Eurofightern Wartungen vornehmen. Atomar-konventionelle Manöver beider Staaten werden geplant. Noch in diesem Herbst soll ein erstes stattfinden. Das Ganze geht in Richtung einer neuen nuklearen Teilhabe Deutschlands an Frankreichs Arsenal. Der Atomwaffensperrvertrag, dem Deutschland beigetreten ist, verbietet sie. Die blockfreien Staaten kritisieren diesen Vertragsbruch immer wieder.
Merz erklärte am 17. Juli bei einer Pressekonferenz mit Macron: „Im heutigen Verteidigungs- und Sicherheitsrat haben wir zudem beschlossen, unsere strategische Zusammenarbeit zu vertiefen. (…) Wir haben den Rat heute Morgen im Fliegerhorst von Nörvenich abgehalten. Zugegen waren auch deutsche und französische Soldatinnen und Soldaten, erstmals mit einem nuklearfähigen französischen Rafale-Flugzeug. Das macht sichtbar: Wir schlagen in der Abschreckung einen neuen gemeinsamen Weg ein. In der neu geschaffenen strategischen Steuerungsgruppe durchdenken wir, mit welchem Mix an Fähigkeiten wir unsere gemeinsame Abschreckung in Zukunft weiter steigern können. Neben dieser Arbeit an einer gemeinsam Doktrin werden wir auch die konventionellen deutschen Kräfte noch in diesem Jahr an einer nuklearen Übung der französischen Streitkräfte beteiligen. Das ist komplementär zu unserer nuklearen Teilhabe und der Abschreckung in der NATO, an der wir festhalten.“
Das sind gefährliche Entwicklungen, die das künftige Verhältnis zu Russland noch stärker belasten werden, wenn dieses sich einer doppelten nuklearen Bedrohung ausgesetzt sehen muss. Deshalb werden wir in Nörvenich auch deutlich gegen dieses neue atomare Kooperationsmodell zwischen Deutschland und Frankreich protestieren.
Infos, Spendenkonto und vollständiger Aufruftext: https://www.atomwaffenfrei.de/protest-gegen-steadfast-noon-2026-jetzt-unterstuetzen/
Über den Autor
Martin Singe lebt in Bonn und ist u.a. im Sprecherteam des Aktionsbündnisses „atomwaffenfrei.jetzt“ aktiv. Zudem ist er Redakteur des Friedensforums, wo dieser Text auch erscheinen wird.
(1) Anmerkung der Redaktion:
Für die NATO ist Steadfast Noon „ein regelmäßiges Training, das eine Vielzahl von Staaten der Allianz umfasst, um die Stärke und Einsatzfähigkeit der Allianz aufzuzeigen, deren Ziel die Förderung des Friedens und der Stabilität in der Region ist. “ (Übersetzung des Textes zu dem obigen Foto der US-Luftwaffe).
Laut Wikipedia dient das Manöver zur nuklearen Abschreckung. Geübt werden demnach verschiedene Einsatzszenarien unter Einbeziehung von Feindbedrohung, der Unterdrückung oder Täuschung der gegnerischen Luftverteidigung einschließlich Luftbetankung und dem Schutz der Kernwaffenträger in der Luft. Der Gastgeber der Übung wechselt jährlich zwischen den Staaten der nuklearen Teilhabe, Belgien, Deutschland, Italien, der Niederlande und der Türkei. Die Inhalte der Übung sind geheim. Für Steadfast Noon wird demnach eine Übungsversion der B61-Kernwaffe verwendet.
Laut dem Wikipedia-Artikel, basierend auf offiziellen NATO-Angaben, ist die Zahl der beteiligten Flugzeuge von 50 (2020) auf 70 (2025) gestiegen.