Von Stephan Brües (Text) und Nora Strehlitz (Zeichnungen)
Freitagabend: Einführungsvortrag von Christine Schweitzer
Auf dem Bild sehen wir die Zeichnung zum Einführungsvortrag von Christine Schweitzer, die bis Februar 2025 Geschäftsführerin des BSV war. Dabei ging es darum, die Risiken für Menschenrechtsverteidigende zu minimieren und sie so zu schützen. Repression lasse sich durch das Prinzip des Backfire überwinden. Zu Backfire wird eine Aktion dann, wenn die Ziele einer Repression in ihr Gegenteil verkehrt werden, z.B. wenn ein gewaltsamer Einsatz gegen gewaltfrei agierende Proteste nicht dazu führt, dass die Protestierenden geschwächt oder eingeschüchtert, sondern gestärkt werden. Um dies zu erreichen, müssen sich Protestierende oder Menschenrechtsverteidigende auf die Repression vorbereiten. Das führt dann zur Einübung der Sozialen Verteidigung.
All diese Aktivitäten können dabei von externen Akteur*innen unterstützt werden: durch Trainings der Aktivist*innen und/oder durch eine Schutzpräsenz bei Aktionen. Letzteres nennt man Unbewaffneter Ziviler Schutz (siehe dazu ausführlich die beiden folgenden Artikel von Mel Duncan: https://gewaltfreieaktion.de/gewaltfreie-wege-gemeinschaften-zu-schuetzen-sind-viel-besser-als-waffen-drei-beispiele-die-das-eindrucksvoll-belegen/ und https://gewaltfreieaktion.de/jetzt-ist-die-zeit-um-unbewaffnete-friedensfachkraefte-nach-gaza-und-das-westjordanland-zu-senden/ ).
Freitagabend: Internationale aktuelle Beispiele im Kontext autoritärer Repression und Krieg
Nach dem Einführungsvortrag gab es drei Inputs zu Schutzstrategien aus den USA (Eli McCarthy, Washington DC Peace Teams, aus dem Sudan (Mona Khogali, Frauenorganisation BANA und dem Konzept der Ganzheitlichen Sicherheit mit Bezug zu vielen Regionen dieser Welt (Peter Steudtner, Holistic Protection Collective.
Die Zeichnung gibt die wichtigsten Aspekte der drei Inputs wieder. Die DC Teams trainierten in den vergangenen Jahren über 12.000 Menschen im Schutzkonzept und gewaltfreiem Widerstand. Die Trainings verknüpft die Themen Antirassismus, Gewaltfreie Kommunikation, Restorative Gerechtigkeit mit dem Einüben von direktem Eingreifen in Konfliktsituationen. All dies wird aktuell gegen die Repression unter Präsident Trump umgesetzt. Die bekanntesten Beispiele in den USA finden sich in Minnesota, Los Angeles und Washington und in San Diego.
Das Beispiel Sudan ist noch dramatischer, denn hier muss sich das Schutzkonzept der Emergency Response Rooms (Notfall-Räume), das die Nachbarschaftskomitee entwickelt hatten, in Kriegszeiten bewähren. Da staatliche Hilfen weitgehend weggefallen sind, halten die Nachbarschaftskomitees die gesundheitliche und Ernährungsversorgung aufrecht, wobei sie allerdings angesichts von Hunger und Gewalt auch an ihre Grenzen stoßen. Um so eindrucksvoller ist ihre Arbeit und umso notwendiger sie zu unterstützen.
Die ganzheitliche Sicherheit, die Peter Steudtner vorstellt, bezieht sich auf „Shrinking Spaces“ (dt.: eingeengte Räume) der Zivilgesellschaft, hervorgerufen durch physische, juristische, digitale und finanzielle Angriffe aus Politik und Wirtschaft. Sie umfasst zugleich auch die psycho-sozialen Aspekte dieses Phänomens: Überlastung, Burn-out, menschliche und technische Fehler. Ganzheitliche Sicherheit erfordert den Aufbau von strategisch neu aufgestellten Strukturen. Wichtig ist die Risikoanalyse und die Analyse der vorhandenen Ressourcen und Kapazitäten, um die Stärken zu festigen und zu Widerstand zu ermutigen. Um gegen die Shrinking Spaces zu arbeiten, müsse man auch einmal „fürsorglich die Ellbogen ausfahren“, also in friedenslogischer Manier eindeutig Widerstand leisten.
Samstag: Bedrohungslagen in Deutschland
Am Samstag beschäftigt sich die Jahrestagung mit den Bedrohungslagen in Deutschland.
Die gibt Arne Semsrott von Frag den Staat wieder. Er fokussiert auf die Frage „Was tun an Tag X“, gemeint ist eine Machtübernahme durch die AfD. Wobei viele inhaltliche Forderungen der AfD im Bereich der Migration oder der Repression gegen die Zivilgesellschaft bereits von den bürgerlichen Regierungen (Ampel und aktuell CDU-SPD) durchgeführt werden. Die Aushöhlung der Demokratie hin zu einem völkisch orientierten Nationalstaat ist jedoch nicht Regierungsprogramm der aktuellen Koalition. Wie Gegenmacht errichtet werden kann, was man dazu braucht (eigene gesellschaftliche Vision, Stärkung der Zivilgesellschaft, Solidarität statt Spaltung, Szenarienarbeit etc.) lässt sich der Zeichnung 3 von Nora entnehmen.
Die anschließenden Inputs zum Thema „Wie schützen wir einander?“ kommen von Finja Hartwig (Verwaltung für Demokratie e.V.) und Julia Monro (Verband Queere Vielfalt, LSVD*).
Finja Hartwig berichtet von ihrem Verein, der sich für eine resiliente und verfassungstreue Verwaltung einsetzt und ein Erste-Hilfe-Kit entwickelt hat, um Verwaltungsmitarbeitenden Hilfestellung für Situationen zu geben, in denen sie Aufgaben erfüllen sollen, die die Menschenwürde oder demokratische Spielregeln verletzen.
Für Julia Monro ist die Lage der Queeren Community ein Gradmesser für den Zustand der Demokratie. In den letzten Jahren hat sich die Bedrohung der Community verstärkt. Das Schutzkonzept für queerer Menschen muss dabei die persönliche, die digitale und die strukturelle Ebene umfassen.
Workshops am Samstag
Es können hier nicht alle zehn Workshops vorgestellt werden, die an frühen und späten Nachmittag angeboten wurden. Das wird in der ausführlichen Dokumentation, die voraussichtlich im Sommer 2026 veröffentlicht werden wird, ersichtlich sein.
Die Zeichnungen von Nora geben aber einen ersten Einblick in das Gebotene, beginnend mit einer Vertiefung des Themas „Ganzheitliche Sicherheit“ (Peter Steudtner) und der „Digitalen Schutzstrategie und Netzfeuerwehr gegen Hassangriffe im Netz“ von LOVE STORM (Torben Klink). (Bild 5)
Ebenfalls vertieft wurde der Input von Eli McCarthy. Hier geht es um die proaktive Schutzstrategie nach dem CLARA-Prinzip: Ruhe bewahren (Center), Zuhören (Listen), Bestätigen von Gefühlen (Affirm), Reagieren und Eingreifen (Respond) und das Ergänzen von Informationen und Perspektiven (Add).
Zudem zeigt Bild 6 das Wichtigste aus den Workshops über „Backfire gegen Rechte Gewalt“ (Björn Kunter) und „Solidarische Nachbarschaften und Mutual Aid“ (Julia Kramer und Jochen Neumann).
Im ersten geht es darum, wie nach einer Machtübernahme von Rechtsextremen die Ziele der Repression in ihr Gegenteil verkehrt werden können. Wichtig ist dabei, die Zuschauenden zu aktivieren und jene, die die Repression aktiv ausführen, auf die Seite der Angegriffenen zu ziehen.
Der zweite Workshop behandelte den Aufbau von selbstorganisierter Solidarität in Gruppen und Netzwerken. Diese stärken einander und bereiten sich auf politische Wirren vor, um Widerstand zu organisieren.
Die Inhalte der fünf Workshops des zweiten Slots sind auf Zeichnung 7 angedeutet.
So wurde das Beispiel der Nachbarschaftskomitees im Sudan ebenso vertieft wie der Input von Finja Hartwig von den Verwaltungsmitarbeitenden.
Die anwesende Queere Community traf sich zum empowernden Austausch.
Die beiden Vorsitzenden des BSV, Stephan Brües und Renate Wanie, machten interaktive Workshops: Stephan Brües moderierte und inszenierte ein Planspiel, in dem Akteur*innen der Verwaltung, Zivilgesellschaft und der Gruppe der Migrant*innen auf Anweisungen einer AfD-Regierung reagieren müssen, die auf eine Vorbereitung einer sog. „Remigration“ hinauslaufen. Notwendig war es, die Akteur*innen zu vernetzen, hilfreiche Argumente zu finden und Widerstand durch Verzögerungen und verschiedene Formen der Nicht-Zusammenarbeit zu leisten.
Renate unternahm ihr „Zivilcourage-Workshop zum Eingreifen in Diskriminierungs- und Gewaltsituationen“ auf der Basis des Theaters der Unterdrückten nach Augusto Boal. In Spielsituationen wurden Szenarien durchgespielt, die Ideen sammelten, welche Reaktion auf aggressives Handeln die zielführendste ist.
Fazit
Eine intensive Tagung mit Menschen, die sonst auf unseren Tagungen nicht auftauchen, ist vorbeigegangen. Sie war vor allem bewegend – emotional, aktivistisch, inhaltlich. Sie hat uns mit neuen Gruppen vernetzt. Und sie hat dem BSV ein paar neue Mitglieder gebracht.
Bei der nächsten Jahrestagung (16.-18.04.2027 im Naturfreundehaus Hannover) werden wir – wie es aussieht – das Thema weiterführen.
Schauen wir, was sich bis dahin noch tut, insbesondere bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Falls sich die derzeitigen Prognosen bewahrheiten, werden wir einiges, worüber wir auf dieser Tagung gesprochen, praktisch umsetzen müssen.
Zu den Autor*innen
Stephan Brües ist Redakteur der Gewaltfreien Aktion und Ko-Vorsitzender des Bund für Soziale Verteidigung (BSV). Er war also an der Organisierung dieser Tagung beteiligt.
Nora Strehlitz arbeitet als Trainerin bei Love Storm, einem Projekt des BSV, insbesondere in dem von Demokratie leben finanzierten Projekt „Digitale Konfliktbearbeitung“. Und sie fasst Inhalte und Ergebnisse von Tagungen oder Trainings gerne in ansprechende Zeichnungen zusammen.